Am 1. Februar 2018 behaupteten hochrangige US-Beamte anonym gegenüber der Presse, dass die syrische Regierung möglicherweise „neue Arten von chemischen Waffen“ entwickele und Präsident Trump weitere Militärschläge in Erwägung ziehe, falls dies nötig sei, um Giftgas-Anschläge zu verhindern[1]. Der französische Präsident Macron setzte am 13. Februar eine „rote Linie“ nach dem Vorbild Obamas und erklärte, dass Frankreich im Falle des Einsatzes von verbotenen Chemiewaffen in Syrien nicht tatenlos zusehen werde.

Am 2. März stellte Putin in einer Präsentation die Prototypen neuartiger Waffensysteme vor, einige davon in der Lage, die Raketenabwehrsysteme der NATO zu durchdringen, wie z.B. Überschall-Marschflugkörper. Unter anderem behauptete Russland, eine Interkontinentalrakete entwickelt zu haben, die praktisch keine Entfernungslimitierungen kennt[2]. Der Westen nahm diese Erklärung mit großer Beunruhigung zur Kenntnis. Zwei Tage später wurden der ehemalige Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter Julia nach dem Besuch eines Restaurants im britischen Salisbury bewusstlos auf einer Parkbank gefunden. Die syrische Armee bereitete währenddessen eine Großoffensive auf Ghouta, ein sich in Rebellenhand befindliches Gebiet nahe Damaskus, vor.

In den folgenden Wochen verschlechterten sich die diplomatischen Beziehungen zwischen Moskau und London fast auf täglicher Basis, nachdem die britische Regierung dem Kreml vorgeworfen hatte, für die Vergiftung Skripals und seiner Tochter verantwortlich zu sein. Skripal hatte die Jahre zwischen 2004 und 2010 in russischer Haft verbracht, nachdem seine Tätigkeit für das MI6 den russischen Behörden bekannt geworden war. Im Rahmen eines Gefangenenaustauschs war er freigelassen worden und hatte die folgenden acht Jahre in Großbritannien verbracht. Weshalb die russische Regierung sich nach so langer Zeit plötzlich entschlossen haben sollte, ihn zu töten – noch dazu so kurz vor den Präsidentschaftswahlen in Russland am 18. März und der Fußballweltmeisterschaft in Russland im Sommer, und das obendrein mit einer typisch russischen Tatwaffe als „Visitenkarte“ – ging aus der Anschuldigung der britischen Regierung nicht hervor. Großbritannien stellte Russland ein „Ultimatum“, auf die Vorwürfe einzugehen; Russland forderte seinerseits, in die Ermittlungen einbezogen zu werden und eine Probe des angeblich verwendeten Giftes zur eigenen Analyse ausgehängt zu bekommen. Großbritannien – und später weitere europäische Staaten sowie u.a. die USA – verwiesen russische Diplomaten des Landes, was Moskau mit gleicher Münze heimzahlte. Dies sind die Hintergründe, vor denen der mutmaßliche Giftgasangriff in Douma (Ghouta) interpretiert werden müssen.

Am 12. März erklärte die UN-Botschafterin der USA, Nikki Haley, im Zusammenhang mit dem Vormarsch der syrischen Armee in Ghouta, dass wenn „die internationale Gemeinschaft unfähig sei zu reagieren“, die USA notfalls auch ohne deren Zustimmung in Syrien eingreifen würde, um das „syrische Regime“ von dessen Gräueltaten – in diesem Zusammenhang erwähnte sie explizit Giftgasattacken – abzuhalten.[3] Einen Tag später gab der russische Generalstabschef Walerij Gerasimow bekannt, dass Russland über „harte Fakten“ verfüge, dass Rebellen vorhätten, einen Giftgasangriff gegen die Zivilbevölkerung zu inszenieren und die Tat den syrischen Truppen in die Schuhe zu schieben, um dadurch eine US-Attacke gegen Regierungsviertel zu provozieren[4].

Die russischen Präsidentschaftswahlen am 18. März gewann Wladimir Putin mit fast 77 Prozent. Zwar wurden von Wahlbeobachtern Unregelmäßigkeiten auf lokalem Level festgestellt, doch es scheint, als seien diese eher auf Initiativen von Einzelpersonen zurückzuführen gewesen denn auf Druck vom Staat. Genauso wenig wird jemand Angela Merkel dafür verantwortlich machen wollen, dass im Heimatort meiner Eltern bei der Bundestagswahl in den Wahlkabinen Bleistifte (!) statt Kugelschreiber auslagen. (Kein Scherz!)

Am 3. April erklärte der Leiter des staatlichen britischen Chemiewaffenlabors in Porton Down, Gary Aitkenhead, dass es sich bei dem gegen die Skripals eingesetzten Stoff zwar um ein Gift der Gruppe „Novichok“ handele, jedoch nicht auf den Produzenten geschlossen werden könne[5]. Dies brachte die britische Regierung in starke Bedrängnis, allen voran Außenminister Boris Johnson, der in einem Interview mit der „Deutschen Welle“ auf die Frage hin, wie denn das Gift so schnell als „Novichok“ hatte identifiziert werden können [Anm.: Es wird darauf angespielt, dass ein den Briten völlig unbekanntes russisches Gift, von dem es keine Referenzprobe in Porton Down gibt, nicht so schnell hätte identifiziert werden können.], behauptet hatte, Porton Down sei ihm gegenüber sehr „kategorisch“ gewesen, was die Schuldfrage Russlands anginge[6]. Doch das Schicksal meinte es gut mit ihm: Schon zwei Tage später erklärte die britische „Times“, mit Experten gesprochen zu haben, welche Zugang zu Geheimdienstinformationen hätten – und solche müssen geheim bleiben, versteht sich – und aus deren Aussagen ginge nicht nur klar hervor, dass das Gift in Russland hergestellt worden war, sondern sogar, in welchem Labor genau[7],[8]. (Darauf angesprochen, weigerte sich ein Regierungssprecher, den Bericht zu kommentieren.) Dennoch schien die britische Administration etwas aus der Fassung gebracht, denn nur so lässt es sich erklären, dass sie einen Tweet vom 22. März löschte, in welchem es hieß, Analysten des „weltberühmten Labors in Porton Down“ hätten belegt, dass es sich um „militärisches Novichok-Nervengift handelt – produziert in Russland“[9]. Eine weitere Seltsamkeit im Fall Skripal betrifft das Schicksal der Haustiere des Mannes. Laut britischen Autoritäten wurden die beiden Meerschweinchen tot aufgefunden, als ein Tierarzt erstmals Zugang zum Haus der Skripals bekam, nachdem dieses wegen der Vergiftung des Besitzers versiegelt worden war. Allem Anschein nach waren die Tiere verdurstet. Eine Katze war noch am Leben, aber so unterernährt, dass sie aus Gnade eingeschläfert wurde. Es heißt inoffiziell, die Tiere seien kurz darauf eingeäschert worden – sehr zum Unwillen der russischen Regierung, die nicht nur das Verhalten der Briten gegenüber den Tieren anprangerten, sondern sich auch fragten, ob denn die Briten die Tiere auf Spuren des Giftes untersucht hatten. Nach Informationen der russischen Seite hatte Sergej Skripal noch eine zweite Katze besessen, von der nun jede Spur fehle, während die Briten keine zweite Katze erwähnten[10]. Am 6. April wurde öffentlich, dass Großbritannien das Visumsgesuch Viktoria Skripals, die ihre Cousine Julia und ihren Onkel Sergej hatte besuchen wollen, abgelehnt hatte, weil ihre „Applikation nicht den Immigrationsregeln entspreche“, wie ein Sprecher der britischen Regierung sich ausdrückte[11]. Laut einem BBC-Bericht fürchtete die britische Regierung, der Kreml könne Viktoria, die sich in Interviews sowohl der russischen als auch britischen Presse gegenüber kritisch geäußert hatte, was die britische Darstellung der Vergiftung ihrer Verwandten betraf, instrumentalisieren[12].

„History doesn’t repeat itself, but it often rhymes“, sagte Mark Twain, doch im Folgenden reimt sich die Geschichte nicht nur, sondern folgt fast exakt dem Verlauf der Khan-Shaykhun-Affäre vom Vorjahr, noch dazu fast auf den Tag genau. Am 3. April verkündete Donald Trump auf einer Pressekonferenz mit den Staatsoberhäuptern der baltischen Staaten, dass er die amerikanischen Streitkräfte aus Syrien abziehen wolle [Anm.: wie er es im Wahlkampf versprochen hatte].[13] Nachdem ihm jedoch von seinen Militärberatern auseinandergesetzt worden war, dass ein solcher Truppenabzug Zeit brauche, musste sich Trump zähneknirschend damit zufrieden geben, dass es nicht Jahre, sondern „nur“ Monate dauern würde, und ließ seine Forderung nach einem sofortigen Truppenabzug fallen, wie die US-Administration am Folgetag erklärte[14]. Drei Tage später, am 7. April, berichteten die „Weißhelme“ von einem Hubschrauber, der eine Fassbombe mit Chemikalien über Douma in Ost-Ghouta abgeworfen hatte[15]. Mehr als 40 Menschen seien getötet und mehr als 1000 verletzt worden. Die „Union of Medical Care and Relief Organization (UOSSM) bezifferte die Zahl der Toten gar auf weit über 70. [Anm.: Wie aus ihrer Webseite hervorgeht, ist die UOSSM – gegründet 2012 in Frankreich – eine Koalition von humanitären, nicht regierungsabhängigen, und [sic!] medizinischen Organisationen aus den Vereinigten Staaten, Kanada, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, der Niederlande, der Schweiz und der Türkei.] Dass es sich beim 7. April genau um den Jahrestag des amerikanischen Angriffs auf die Luftwaffenbasis Shayrat handelte, mag Zufall sein, könnte aber auch als Racheaktion eines wahnsinnigen Diktators gewertet werden – und gerade deswegen würde es sich auch als Termin für eine False-Flag-Operation eignen.

Wie böse Zungen behaupten, haben die „Weißhelme“ eine gewisse Nähe zu Jabhat al-Nusra; weit davon entfernt die stärkste Kraft in Ost-Ghouta zu sein, hatte sich Jabhat al-Nusra jedoch in den letzten Monaten mit ihrem einstigen Weggefährten Jaish al-Islam heftige In-Fightings mit vielen hunderten Toten geliefert und hatte zum fraglichen Zeitpunkt überhaupt keine Präsenz in Douma mehr. Es stellt sich also die Frage, ob 1) Jabhat al-Nusra trotz aller Differenzen „ihre“ Weißhelme an Jaish al-Islam „ausgeliehen“ hatte angesichts des gemeinsamen Feindes Baschar al-Assad, oder ob 2) das unabhängige Agieren der Weißhelme als Indiz gesehen werden sollte, dass alle Gerüchte darüber, dass die Weißhelme nichts anderes seien als al-Nusra mit weißen Helmen, erlogen sind, oder aber 3) die Videos nicht in Douma, sondern irgendwo in Idlib gedreht worden sind, wo Jabhat al-Nusra und somit auch die Weißhelme eine starke Präsenz aufweisen. Wie auch der russische UN-Botschafter Nebensja am 9. April in seiner Rede vor dem UN-Sicherheitsrat bemerkte, waren die „Weißhelme“ bereits beim Faken von Bildmaterial erwischt worden, z.B. als sie versehentlich ein Video online stellten, das zeigte, wie ein angebliches „Opfer“ für seinen Auftritt kamerafertig gemacht wurde.

In der Nacht vom 8. auf den 9. April 2018 wurde das als „T-4“ bekannte Flugfeld at-Tiyas nahe Homs von Kampfflugzeugen angegriffen[16]. Drei von acht Raketen erreichten ihr Ziel, fünf wurden von der Luftabwehr abgefangen. Unter den Toten befanden sich auch sieben iranische Militärs[17]. Der Verdacht fiel schnell auf Israel, welches ebendieses Flugfeld in der Nacht zum 10. Februar schon einmal angegriffen hatte, weil von dort eine iranische Drohne gestartet war, die in den israelischen Luftraum eingedrungen war. [Anm.: Wenn man den Grenzverlauf zwischen Israel und Syrien in Betracht zieht, könnte es sich beim „israelischen Luftraum“ auch einfach nur um die von Israel völkerrechtswidrig besetzten Golanhöhen gehandelt haben. Am 13. April – also vier Tage nach der neuerlichen Attacke auf das Flugfeld und vermutlich um diese im Nachhinein zu rechtfertigen – erklärte das israelische Militär überraschend, dass besagte iranische Drohne vom Februar keine bloße Aufklärungsdrohne, sondern mit Sprengstoff ausgerüstet gewesen sein soll[18].] Laut dem russischen Verteidigungsministerium waren die acht Lenkraketen von zwei israelischen F-15-Kampfflugzeugen aus dem libanesischen Luftraum abgefeuert worden. Die libanesische Armee bestätigte die Verletzung ihres Luftraums in der fraglichen Nacht durch israelische Flugzeuge, ohne aber Israel direkt für den Angriff auf T-4 verantwortlich zu machen[19]. In einem Interview für die New York Times sagte ein israelischer Militär gegenüber Thomas L. Friedman, dass in der Tat Israel für den Angriff verantwortlich sei[20], welches für gewöhnlich seine Luftangriffe auf Hizbollah- oder iranische Ziele nicht kommentiert. Im selben Zeitraum sah sich Israel im Übrigen mit Demonstranten an der Grenze zum Gazastreifen konfrontiert, gegen welche es nicht eben zimperlich vorging. Die Erschießung eines unbewaffneten Reporters durch einen israelischen Soldaten ist nur eines der Beispiele für das manchmal etwas fragwürdige Vorgehen der israelischen Armee[21],[22].

Der amerikanische Präsident hatte es unterdessen auch nicht leicht: Am 9. April durchsuchte das FBI nicht nur das Büro von Trumps Anwalt Michael Cohen, sondern sogar dessen Haus und Hotelzimmer. Am Abend desselben Tages fand eine Sitzung des UN-Sicherheitsrats statt, in welchem über Resolutionen bezüglich eines Investigationsmechanismus für Giftgasangriffe in Syrien abgestimmt werden sollte, was wegen des Vetorechts der permanenten Mitglieder USA und Russland von vorneherein zum Scheitern verurteilt war. Russland hatte Ende des vergangenen Jahres eine Verlängerung des Mandats des vorangegangenen Mechanismus verhindert und für die Schaffung eines neuen Systems plädiert. Dabei kam es Russland vor allem darauf an, dass die Expertenkommission kein Recht haben sollte, den Schuldigen zu benennen, sondern dies dem UN-Sicherheitsrat überlassen sollte, wogegen die USA verständlicherweise argumentierte, dass Russland auf diese Weise jede Verurteilung Assads einfach mit seinem Veto blockieren könne. Interessant an der UN-Sicherheitsratssitzung sind also nicht die Abstimmungen, sondern die Informationen, die Wassilij Nebensja, der russische UN-Botschafter, in seiner Rede[23],[24] gibt: „[…] Am 8. April entdeckten syrische Truppen bei ihrer Durchsuchung des Dorfes ash-Shifuniya, welches nahe Douma gelegen ist, eine kleine improvisierte ‚Chemiewaffen-Fabrik‘ Jaish al-Islams, nebst Chlor-Reagenzien deutscher Produktion sowie spezialisiertes Equipment. […] Der sich in Istanbul aufhaltende oppositionelle Journalist Asaad Hanna postete ein Video auf Twitter, welches angeblich aus dem Gebiet [Doumas] stammte, in welchem Giftgas zum Einsatz gekommen sein sollte. In diesem Video posiert ein unidentifiziertes Individuum in einer Gasmaske, vermutlich ein Mitglied der Weißhelme, vor einer improvisierten [‚homemade‘] chemischen Bombe, welche angeblich in diesem Schlafzimmer in Douma gelandet war. Einem Kommentar zu diesem Bildmaterial ist zu entnehmen, dass es sich um eine weitere Attacke des Regimes auf Zivilisten gehandelt haben soll. Es gibt keinen Zweifel, dass dieses Video eine Inszenierung ist. Die Trajektorie der angeblichen Bombe ist vollkommen unnatürlich. Sie kann nicht durch das Dach gefallen [wie im Video behauptet] und dann sanft auf einem hölzernen Bett gelandet sein, ohne dieses in irgendeiner Form beschädigt zu haben. Ganz offensichtlich ist die Bombe dort vor dem Videodreh [von Hand] platziert worden. Ein  interessanter Zufall: Der angebliche Giftgasangriff in Douma ereignete sich am Samstag, dem 7. April, ganz kurz nachdem die UN-Sicherheitsratsdelegation der Vereinigten Staaten eine Expertenkonsultation für heute, Montag, den 9. April über die US-Draft-Resolution für einen neuen Mechanismus, Chemiewaffeneinsätze in Syrien zu untersuchen, gefordert hatte. […] Gemäß neuer Vereinbarungen wurde die Evakuierung von Jaish-al-Islam-Kämpfern am Sonntagnachmittag, dem 8. April, wiederaufgenommen. Nachdem Douma also aus den Händen der Milizen befreit worden war, wurden russische Spezialisten dorthin entsendet, um Untersuchungen vorzunehmen. Die von ihnen entnommenen Bodenproben zeigten keinerlei Hinweise auf eine Präsenz von Nervengas oder chlorenthaltende Substanzen. Anwohner und Kämpfer, die die Waffen niedergelegt hatten, wurden befragt. Nicht einer bestätigte, dass eine Gasattacke stattgefunden habe. Keine Patienten mit Symptomen einer Sarin- oder Chlorvergiftung waren in das einzige aktive Krankenhaus in Douma eingeliefert worden. Keine Leichen von Menschen, die an einer Vergiftung gestorben waren, waren gefunden worden, und die Lokalbevölkerung hatte keine Informationen darüber, wo sie vergraben sein könnten. Jeglicher Einsatz von Sarin oder Chlorgas in Douma ist daher unbestätigt. Übrigens, Repräsentanten des Syrischen Roten Halbmonds wiesen in ihrem Namen gemachte Aussagen darüber, Giftgas-Opfern erste Hilfe geleistet zu haben, zurück. [Anm.: Es ist bemerkenswert, dass der russische UN-Botschafter die Existenz eines Giftgasangriffs ableugnet. In allen vorangegangen Fällen – Ost-Ghouta 2013, Khan Shaykhun 2017 und diverse kleinere Anschläge – hatten Russland und Syrien nie Zweifel daran geäußert, dass sich der Giftgaseinsatz tatsächlich ereignet hatte, nur was die Schuldzuschreibung betraf, bestanden Differenzen zwischen West und Ost.] […] Die Syrer haben wiederholt davor gewarnt, dass es Provokationen mit Giftgas [von Seiten der Rebellen] geben könnte. Im „Russian Centre for the Reconciliation of Opposing Sides in the Syrian Arab  Republic” sagt man, dass das Equipment, um die nächste angebliche Chemieattacke auszuführen, bereits hereingebracht wurde. [Anm.: Es geht nicht hervor, ‚wo hinein‘ genau. Nach Syrien? Nach Ghouta?]  Wir haben uns gegenüber dem UN-Sicherheitsrat diesbezüglich bereits geäußert. […] Noch immer ist dem Umstand keine Beachtung geschenkt worden, dass im November und Dezember 2017 eine signifikante Menge toxischer chemischer Stoffe auf syrischem Territorium, welches von Milizen befreit worden war, gefunden wurde. In Lagerhallen von Terroristen in az-Zahiriya und al-Hafiys im Gouvernement Hama wurden zwanzig Container mit dem Fassungsvermögen von einer Tonne entdeckt sowie mehr als 50 Geschützköpfe [‚ordnance‘] gefüllt mit toxischen Chemikalien. In Tel Adel im Gouvernement Idlib wurden 24 Tonnen Chlor gefunden. In einer Lagerstätte in Moadamiya, dreißig Kilometer nordwestlich von Damaskus, wurden Geschosse vom Kaliber 240- und 160-Millimeter und Plastikkanister voll mit organophosphorischen Komponenten gefunden. Im Gebiet um as-Suwayda wurde eine Produktionsanlage zur Synthetisierung verschiedener giftiger Substanzen entdeckt, zusammen mit 54 Geschützköpfen [‚ordnance‘] und 44 Containern mit Chemikalien, welche zur Produktion von giftigen Substanzen verwendet werden können. Allein seit Beginn dieses Jahres wurden vier Fälle verzeichnet, in denen Milizen giftige Chemikalien gegen Stellungen der Regierungstruppen in den Bezirken Suruj und al-Mushairfeh einsetzten, und mehr als 100 syrische Soldaten mussten behandelt werden. Am 3. März, während der Befreiung [Anm.: wie die syrische Regierung verwendet er den Begriff ‚Befreiung‘ statt ‚Eroberung‘] von Khazram und Aftris in Ost-Ghouta, entdeckten Soldaten einer Untereinheit der Regierungstruppen [Anm.: eventuell sind die NDF gemeint, eine Art der syrischen Armee unterstehende „Bürgerwehr“] eine behelfsmäßige Werkstatt für selbstgefertigte Chemiewaffengeschosse. Diese Liste – weit davon entfernt, vollständig zu sein – ist ein Indiz für die Missetaten der Rebellen. Und dennoch haben wir keinen Eifer [von Seiten der Westmächte] gesehen, dorthin OPCW- Expertengruppen zu entsenden, um Beweise für diese Vorfälle zu sammeln. Wir fordern, dass die OPCW alle diese Vorfälle untersucht. Die Gebiete sind zugänglich. […] Die Provokationen [Anm.: der angebliche Giftgasangriff] in Douma erinnern an den Vorfall in Khan Shaykhun aus dem letzten Jahr, bezüglich des ihnen beiden gemeinsamen Elements der vorsätzlichen Planung der Attacken. Eine Analyse der von den Vereinigten Staaten im April 2017 ausgeführten Operationen – kurz vor und nach dem Vorfall in Khan Shaykhun – zeigt, dass Washington seine Operation [Anm.: den Beschuss der Luftwaffenbasis Shayrat durch die US-Streitkräfte] im Voraus geplant hatte. Vom 4. bis 7. April letzten Jahres – in anderen Worten: vom Tag, an dem eine toxische Substanz in Khan Shaykhun zum Einsatz kam, bis zum Tag, an dem Shayrat angegriffen wurde – befanden sich die USS Porter und Ross Zerstörer-Kriegsschiffe bereits im Mittelmeer, wo sie an geplanten Manövern teilnahmen. Sie steuerten keine Häfen an, wo sie hätten weitere Marschflugkörper aufladen können. Um ganz genau zu sein, befand sich die USS Porter zwischen dem 4. und 5. April südöstlich von Sizilien, und die Ross war im selben Zeitraum auf dem Weg von der Rota-Marinebasis zu einem Gebiet südlich von Sardinien. Später, am 6. April, wurden beide Schiffe dabei beobachtet, wie sie mit beschleunigter Geschwindigkeit in einen Bereich im Südwesten von Zypern fuhren, von wo aus sie am 7. April einen massiven Luftangriff auf Shayrat machten. Nun verhält es sich aber so, dass die 59 Tomahawk-Geschosse, die von ihnen aus abgefeuerten wurden, die Kapazität der beiden Zerstörer – nämlich 48 Einheiten – überstiegen hätten, wenn diese einfach nur an den Verteidigungsübungen teilgenommen hätten, wegen derer sie sich im Mittelmeer befanden. [In anderen Worten: Gemäß den planmäßigen Übungen, wegen derer sich die beiden Zerstörer im Mittelmeer aufhielten, sollten diese nur 48 Tomahawks geladen haben. Da die Schiffe nach dem Ereignis in Khan Shaykhun jedoch nirgendwo mehr Halt gemacht hatten, mussten die 11 zusätzlichen Tomahawks bereits zuvor aufgeladen worden sein – doch warum? Schließlich konnte die US-Marine nicht wissen, dass die Giftgasattacke stattfinden würde und diese Tomahawks ganz spontan gebraucht würden.] […] Im UN-Sicherheitsratstreffem vom 5. April [2018] bezüglich des Skripal-Falles haben wir gesagt, dass der Versuch, uns ohne Beweis der Verstrickung in diesen Fall zu bezichtigen, mit dem syrische-Chemiewaffen-Thema in Zusammenhang stehen könnte. Gestern gab es diesbezüglich eine interessante neue Entwicklung; eine weitere ‚Perle‘ sozusagen, nach all den Manövern des britischen Außenministers Boris Johnson, Russland zu ‚entlarven‘: Die „Times” informierte seine Leser darüber, dass Royal-Air-Force-Experten vom südlichen Zypern aus am Tag der Skripal-Vergiftung eine Nachricht von außerhalb von Damaskus nach Moskau abgefangen hätten, die die Phrase enthielt „Das Päckchen wurde zugestellt“. Weiterhin besagte die Nachricht, dass zwei Leute „erfolgreich abgereist“ seien. Es sieht so aus, als sei dies ein Teil der Geheimdienstinformationen, die London seinen Alliierten präsentiert hat, bevor es unsere Diplomaten aus dem Land sandte. Ist das denn nicht eine unwiderlegbarere Verbindung zwischen Syrien, Russland und Salisbury? Ich will den britischen Geheimdienstlern einen Tipp geben, ganz umsonst: Warum nicht gleich behaupten, dass das Novichok, von dem sie so begeistert sind, direkt von Syrien nach Salisbury geschickt wurde? In einem Päckchen. Wie pathetisch. […]” Russland forderte die OPCW auf, sofort nach Damaskus zu reisen, und den angeblichen Giftgaseinsatz vor Ort zu untersuchen. Und in der Tat hätte die OPCW unverzüglich nach Douma aufbrechen müssen, da Chlor eine stark flüchtige Substanz ist und nicht lange im Boden nachzuweisen sein würde.

Nachdem der russische Botschafter im Libanon Alexander Zasypkin angekündigt hatte, Russland werde alle amerikanischen Raketen, die nach Syrien fliegen, abfangen und auf deren Abschussbasen feuern, antwortete der amerikanische Präsident am 11. April auf Twitter mit der Drohung „Mach Dich bereit, Russland, denn sie werden kommen“[25]. Allerdings relativierte er seine harschen Worte bereits in seinen nächsten Tweet und macht nicht zuletzt Sonderermittler Robert Mueller für das böse Blut zwischen Washington und Moskau verantwortlich. Am selben Tag entsandte die US-Regierung den Flugzeugträger USS Harry S. Truman ins Mittelmeer. Dies sei Teil der regulären Rotation, sagten hochrangige Militärs[26]. Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) erklärte währenddessen, dass sie „deutliche Anzeichen für einen Giftgaseinsatz in Syrien sehe“, was die Symptome von mehr als 500 Krankenhauspatienten in Douma angehe. Bei dieser Behauptung stützte sie sich auf die Angaben von „Gesundheitspartnern vor Ort“, da sie sich selbst kein Bild verschaffen konnte.

Am 12. April bestätigten die OPCW und Syriens UN-Botschafter Baschar al-Jaafari die Entsendung eines OPCW-Expertenteams nach Syrien, um den Vorfall in Douma zu untersuchen. Das Team solle in zwei Gruppen am 12. und 13. April in Syrien eintreffen und ab Samstag seine Untersuchungen aufnehmen[27]. Am selben Tag gab die OPCW einen Kurzbericht zum Fall Skripal heraus, in dem es heißt, dass die Resultate Großbritanniens, was die Identität der toxischen Chemikalie betrifft, bestätigt werden konnten[28]. Wohlgemerkt: Dies ist die einzige in diesem Kurzbericht enthaltene Information überhaupt; weder der Name der Substanz wird genannt, noch werden Spekulationen über den Herkunftsort gemacht. Es ist anzunehmen, dass mit „Resultate Großbritanniens“ die Resultate des Labors in Porton Down gemeint sind. Auf der entsprechenden Webseite der OPCW findet sich auch ein Bericht mit dem Titel „Summary of the report on activities carried out in support of a request for technical assistance by the United Kingdom of Great Britain and Northern Island”[29]. Trotz des Titels muss im Auge behalten werden, dass es ursprünglich die Idee Russlands, nicht Großbritanniens, war, die OPCW einzuschalten. Auch dieses Dokument gibt nicht viel preis; das Gift wird nicht mit Namen oder Summenformel genannt, sondern lediglich als „the toxic chemical“ bezeichnet. In Punkt 11. wird bemerkt, dass die Substanz sehr rein ist, fast ohne Verunreinigungen. Dass dies auf einen Staat als Produzenten hindeutet, wird in diesem Dokument an keiner Stelle behauptet, auch wenn diese Schlussfolgerung freilich naheliegend ist. Umso verwunderlicher ist die geradezu euphorische Reaktion der Presse auf diesen Bericht. In Punkt 12. schließlich wird der Leser darüber informiert, dass Name und Struktur der toxischen Substanz im klassifizierten Bericht enthalten sind, also nicht öffentlich zugänglich. Was auch immer die Begeisterung der britischen Medien ausgelöst haben mag, ist also „streng geheim“. In einem weiteren Dokument, welches den Titel „Update by the Director-General to the executive council at its fifty-seventh Meeting”[30] trägt, erfährt der Leser, dass die Einsicht in dieses Dokument für andere Staaten offenbar der Zustimmung Großbritanniens bedarf, gemäß dem Diskretions-Annex der Konvention sowie der OPCW-Diskretionspolitik. In den Berichten der OPCW über Syrien wird hingegen stets die verwendete Substanz genannt, was den Eindruck entstehen lässt, dass nicht alle Länder das gleiche Maß an Diskretion erfahren. Weiterhin kommen Zweifel auf, ob die Öffentlichkeit je von unabhängiger – d.h. nicht britischer – Seite erfahren wird, mit welcher Substanz denn nun die Skripals vergiftet wurden. Nach der Lektüre dieser Dokumente wird klar, dass es sich hier nicht um eine klassische OPCW-Untersuchungskommission handelt, sondern dass die OPCW quasi wie ein privater Dienstleister den Auftrag übernimmt, die Resultate von Porton Down zu verifizieren.

Im „Summary of the report on activities carried out in support of a request for technical assistance by the United Kingdom of Great Britain and Northern Island” wird näher beschrieben, wie die OPCW-Kommission in den Besitz der zu untersuchenden Proben gekommen ist. Aus Punkt 2 geht hervor, dass das Team am 19. März Großbritannien zur Vorbereitung des Einsatzes besuchte, und am 21. bis 23. März der Einsatz stattfand. Da Sergej und Julia Skripal bereits am 4. März vergiftet wurden, sind bis zu diesem Zeitpunkt mehr als zwei Wochen vergangen. Es ist schwer vorstellbar, dass sich das Nervengift selbst (und nicht etwa eines seiner Nebenprodukte) so lange in einem lebendigen menschlichen Organismus halten kann. Dennoch entnimmt die Expertenkommission den Opfern Blutproben, wie Punkt 4 beschreibt. Auch Umweltproben wurden gesammelt (Punkt 5), doch wenn das Gift, wie das britische Department for Environment, Food and Rural Affairs behauptet[31], flüssig war und die höchste Konzentration am Türgriff gemessen wurde, kommt die OPCW wohl auch hier zu spät, um brauchbare Proben zu nehmen. Es lässt sich daher spekulieren, ob die einzigen Proben, die frisch genug waren, um „die Resultate Großbritanniens zu bestätigen“, nicht gerade die waren, welche die OPCW von den Briten selbst bekommen hatte. In Punkt 6 heißt es nämlich: „Das Team forderte Proben an, die von den britischen Autoritäten entnommen worden waren, und erhielt sie auch. Der Zweck hierfür sind vergleichende Studien und um die Analyse Großbritanniens zu verifizieren.“

Am selben Tag, dem 12. April, zitierte NBC zwei anonyme Regierungsbeamte, die nach eigenen Angaben mit der Arbeit der Nachrichtendienste vertraut waren, dass Blutproben die Präsenz von sowohl Chlor als auch einem Nervengift (wie z.B. Sarin) zeigten. Sie selbst seien von den Informationen „überzeugt“, aber nicht „hundert Prozent sicher“. Auf die Herkunft dieser Proben wird nicht weiter eingegangen, auch wenn die beiden Beamten davon sprechen, dass „solche Proben typischerweise von Hospitälern und US-amerikanischen oder ausländischen Agenten gesammelt würden“. Sollten diese Proben tatsächlich existieren, würden sie die Assad-Regierung allerdings eher entlasten als belasten, da beim besten Willen nicht einzusehen ist, weshalb die syrische Armee ihr reines Sarin (wenn vorhanden) mit Chlor mischen sollte. CNN berichtete am nächsten Tag, dass „Medienquellen und „Aktivisten“ gesagt hätten, dass Proben von Blut, Urin und Haarfollikeln in die Türkei geschmuggelt worden seien, sie wüssten jedoch nicht, was danach mit diesen Proben geschehen sei. Ob es sich bei diesen Proben um die Proben handelt, von denen die beiden US-Beamten gesprochen haben, bleibt dahingestellt. Dass die Türkei der Assad-Regierung gegenüber nicht unbedingt neutral eingestellt ist, ist hinlänglich bekannt.

Der Tonfall verschärfte sich auf beiden Seiten und erstmals überschreitet auch die russische Seite eine diplomatische Grenze, wie der 13. April, im Übrigen ein Freitag, zeigt. Zunächst sagte der russische Außenminister Lawrow in einer Pressekonferenz[32], dass Russland „unumstößliche Beweise“ habe, dass die Attacke in Douma eine Inszenierung sei. Sie sei Teil einer „russophoben Kampagne“ eines bestimmten Landes, welches er nicht explizit nannte. In einer Pressekonferenz des Verteidigungsministeriums machte Generalmajor Igor Konaschenkow dann einen Teil der Beweise der Öffentlichkeit zugänglich[33]. Gezeigt wurden Videos eines Interviews mit zwei Männern, welche zum medizinischen Personal des einzigen noch in Betrieb seienden Krankenhauses in Douma gehörten. Sie erzählten, wie Bildmaterial von Leuten aufgenommen wurde, die sich gegenseitig mit Wasser übergossen und Kinder behandelten, angeblich als Folge der Giftgasattacke vom 7. April in Douma. Die Patienten in diesem Video, welches im Netz zu sehen ist, hätten jedoch in Wirklichkeit an Rauchvergiftung [nach einem normalen Brand] gelitten und nicht an den Folgen einer Chlor- oder Nervengasvergiftung. Konaschenkow wies darauf hin, dass es sich bei den Aussagen der beiden Zeugen nicht um anonyme Behauptungen in sozialen Medien handele, sondern um Menschen, die ihre Namen nicht versteckten. Die russische Armee verfüge zudem über „Beweise, die auf eine direkte Beteiligung Großbritanniens an der Organisation der Provokation in Ost-Ghouta hinweisen.“ Zwischen dem 3. und 6. April habe Großbritannien großen Druck auf die „Weißhelme“ ausgeübt, sich mit der Provokation, die sie planten, zu beeilen. [Wohlgemerkt, er bezichtigt die Briten lediglich der Beihilfe an der Inszenierung einer chemischen Attacke, die nach der Lesart Russlands niemals stattgefunden hat; keineswegs wirft er Großbritannien Beihilfe an einer wirklichen Giftgasattacke, bei der Menschen ums Leben kamen, vor.] Am gleichen Tag erschien ein offener Brief des britischen Nationalen Sicherheitsberaters Sir Mark Sedwill an NATO-Generalsekretär Stoltenberg[34], in dem er unter anderem behauptete, dass Russland in den 2000er Jahren ein Programm ins Leben gerufen habe, dessen Ziel es war, Methoden zur Vergiftung mit chemischen Kampfstoffen auszuarbeiten und spezielles Personal im Umgang mit diesen Waffen zu trainieren. Explizit erwähnte er, dass Russland geübt habe, Gift an Türgriffen anzubringen.

In der Nacht vom 13. auf den 14. April führten die USA begleitet von Großbritannien und Frankreich einen komplexen Luftangriff auf drei syrische Ziele, die ihrer Meinung nach mit der angeblichen illegalen Chemiewaffenproduktion Syriens in Zusammenhang standen, angegriffen[35]. In einer Pressekonferenz sagte das russische Verteidigungsministerium, dass 71 von 103 Geschossen (Marschflugkörper und Raketen) abgefangen wurden, und zwar vom sowjetischen Raketenabwehrsystem der syrischen Armee (nicht mit den neuen russischen S-300 oder 400-Systemen)[36]. Eines der Ziele, der Militärflughafen Dumair östlich von Damaskus, blieb unbeschädigt, da alle zwölf auf ihn abgefeuerten Geschosse abgefangen werden konnten.

Das zweite Ziel war dem Generalstabschef des US-Militärs, Joseph Dunford, zufolge ein Lager für Chemiewaffen-Equipment, also mit Gerätschaften, die zur Herstellung von Sarin und seinen Precursern benötigt werden. „Spiegel Online“ legt dem armen General die Worte in den Mund, dass dort die Chemikalie Sarin selbst gelagert worden sein soll[37], was natürlich Unfug ist, weil Sarin ein binärer Kampfstoff ist und nicht in fertig gemischter Form gelagert wird. Und selbst wenn sich in diesem Lager gerade frisch zubereitetes Sarin befunden hätte, dann wäre es wohl nicht sonderlich klug gewesen, es zu bombardieren und damit eine Giftgaswolke kolossalen Ausmaßes freizusetzen.

Beim dritten Ziel handelte es sich um ein Gebäude einer Forschungseinrichtung in Barsa, nördlich von Damaskus, in welchem auch eine Zweigstelle des „Staatlichen Zentrums für wissenschaftliche Studien und Forschung“ untergebracht war, welche laut amerikanischen Behauptungen Chemiewaffen entwickelt haben soll. Nach US-Angaben wurde das Gebäude mit 57 Marschflugkörpern und 19 Luft-Boden-Raketen angegriffen und syrischen Medien zufolge vollständig zerstört. Allerdings hatte die OPCW das Gelände zuvor mehrmals besucht und keine Spuren verbotener Chemikalien gefunden[38], wie auch Baschar al-Jaafari, der UN-Botschafter Syriens für die UN, im UN-Sicherheitsrat betonte. Wenn an diesen Orten wirklich Chemiewaffen hergestellt oder gelagert worden wären und die USA davon gewusst hätten, so Jaafari, dann ist es nicht verständlich, weshalb sie nicht schon längst eingegriffen hatten.

Am 15. April verweist der russische Außenminister Lawrow auf vertrauliche Informationen des Schweizer Labors Spiez, bei dem es sich um eines der Labore handelt, welche auf Auftrag der OPCW hin Blutproben untersucht hatten, die Sergej und Julia Skripal nach ihrer Vergiftung am 4. März entnommen worden waren. In den Analysen des Labors fänden sich Spuren des Kampstoffs BZ und seine Vorstufe, welche Teil der chemischen Arsenale einiger NATO-Staaten, u.a. der USA und Großbritanniens seien, in Russland aber nie entwickelt worden seien[39]. Im Folgenden forderte Lawrow von der OPCW eine Erklärung, weshalb die Ergebnisse des Schweizer Labors nicht in den offiziellen Bericht aufgenommen worden seien.

Eines der stärksten Argumente gegen eine Täterschaft Russlands im Fall Skripal ist die Überlegung, dass Russland keine „Tatwaffe“ verwendet hätte, die direkt auf es zurückführt. Dasselbe Argument lässt sich auch auf das angebliche BZ im Blut der Skripals anwenden: Wenn der britische Geheimdienst hinter dem Attentat steckte, weshalb sollte er einen typisch westlichen Kampfstoff verwenden?

Das schweizer Labor wollte Lawrows Aussage weder dementieren noch bestätigen.

Am 18. April äußerte sich der Leiter des OPCW-Teams, welches nach Großbritannien entsandt worden war, um „technische Assistenz“ zu leisten wiefolgt zu dieser Frage:

„[…] [Außer der von den Briten identifizierten Substanz] ist keine andere Chemikalie identifiziert worden. Der BZ-Präkursor, welcher in öffentlichen Statements erwähnt wurde, gemeinhin unter der Bezeichnung 3Q bekannt, war in der Kontrollprobe enthalten, welche von dem OPCW-Laboratorium im Einklang mit den vorherrschenden Qualitätskontrollprozeduren hergestellt worden war. Sie hat nichts mit den Proben, die in Salisbury vom OPCW-Team gesammelt worden sind, zu tun.“ Darüber, dass es sich bei der BZ-haltigen Probe um die Kontrollprobe handeln könne, hatte Alexander Edin bereits am Tag zuvor in der russischen Zeitung „Regnum“-Online spekuliert.

Mittlerweile ist das OPCW-Expertenteam in Damaskus eingetroffen, konnte aber zunächst seine Arbeit nicht aufnehmen. Nach Angaben der syrischen und russischen Seite war der Grund dafür, dass zuerst noch die Straße nach Douma von Minen befreit werden musste. Großbritannien und Frankreich hingegen hatten Russland und Syrien im Verdacht, Ermittlungen zu blockieren[41]. Am Mittwoch, den 18. April, schließlich hätte die OPCW-Untersuchungskommission ihre Arbeit aufnehmen sollen, musste den Einsatz jedoch verschieben, nachdem am Vortag vorausgeschickte Sicherheitskräfte unter Beschuss geraten waren. Es sei auch ein Sprengsatz detoniert, sagte der Generaldirektor der OPCW, Ahmet Üzümcü[42]. Inzwischen haben die „Weißhelme“ ihre Informationen bezüglich des mutmaßlichen Giftgasangriffs an die Experten weitergegeben, darunter auch die genaue Lage der Gräber, welche bislang geheim gehalten worden sei, um eine Manipulation der Leichen zu verhindern. Leider sei für eine gründliche Identifizierung der Opfer aufgrund des Bombardements keine Zeit gewesen. Wenn die „Weißhelme“ die Wahrheit sagen, würde dies erklären, weshalb die russischen Ermittler keine Toten finden konnten; allerdings bleibt der Verbleib der 500 bis 1000 Verletzten ein Mysterium.

Der Generaldirektor der OPCW, Ahmet Üzümcü, äußerte sich zu den Problemen, die das Expertenteam (Fact-Finding-Mission, FFM) daran hinderten, den mutmaßlichen Tatort zu betreten, wie folgt: „Am 16. April bestätigte uns die Administration der Syrischen Arabischen Republik, dass unter den zur Evakuation der Bevölkerung in Ghouta getroffenen Vereinbarungen es dem syrischen Militär nicht möglich war, Douma zu betreten. Für die Sicherheitsvorkehrungen der Orte, die die FFM zu besuchen plant, ist die russische Militärpolizei zuständig. Das United Nations Departement für Sicherheit (UNDSS) hat die notwendigen Vorkehrungen mit den syrischen Autoritäten getroffen, um das Team bis zu einem bestimmten Punkt zu eskortieren, von wo aus es dann von der russischen Militärpolizei geleitet wird. Allerdings zog die UNDSS es vor, die in Frage stehenden Orte zuerst selbst zu inspizieren, was gestern geschah. FFM-Teammitglieder nahmen an diesem Ausflug nicht teil. Bei der Ankunft des UNDSS-Erkundungsteams an Ort 1 sammelte sich eine große Menschenmenge an, so dass sich das Team wieder zurückzog. An Ort 2 geriet das Team unter Beschuss von Handfeuerwaffen und Sprengstoff detonierte. Daraufhin kehrte das Team nach Damaskus zurück. […] Dieser Vorfall zeigt erneut, unter welch brisanter [volatile] Umgebung die FFM arbeiten muss und das Sicherheitsrisiko, dem unser Personal ausgesetzt ist.“

Die Besorgnis der USA, Großbritanniens und Frankreichs, dass die Verzögerung der OPCW-Mission auf Sabotage der syrischen und russischen Regierungen zurückzuführen sein könnte, zeigte sich also als unbegründet.

Am 20. April zeigte das ZDF ein Gespräch mit dem ZDF-Korrespondenten Uli Gack, dessen Team in einem Nachbarort Doumas von dort geflohene Einwohner interviewte. „Und die Menschen dort erzählen uns, viele in einem Ton der Überzeugung, dass diese ganze Geschichte am 7. April inszeniert war. Sie erzählen uns, dieser Ort des Geschehens war eine Kommandostelle der Islamisten. Dort hätten die Islamisten Chlorbehälter aufgestellt und im Prinzip nur drauf gewartet, dass dieser hochinteressante Ort für die syrische Luftwaffe bombardiert würde, und das ist auch geschehen und dabei seien die Chlorgasbehälter explodiert. Die Leute sagen uns auch, und behaupten das im Ton der Überzeugung, dass es schon mehrere solche Provokationen in Douma gegeben habe. Sie sagen uns auch, bei einer sogenannten Übung des IS – wie kann man es anders bezeichnen – wurden Leute dem Chlorgas ausgesetzt, das wurde gefilmt, und das wurde dann als das Material ausgegeben, als das Beweismaterial, das dann am 7. April veröffentlicht wurde. Ob das nun alles stimmt – ich würde meine Hand nicht unbedingt für jeden Satz ins Feuer legen, aber irgendwie scheint da schon was dran zu sein.“

Der britische Reporter Robert Fisk, der ein Untergrundkrankenhaus in Douma besuchte und darüber einen Artikel für den „Independent“ schrieb, trug aus seinen Gesprächen mit Einwohnern einen ähnlichen Eindruck wie Gack davon: „Viele Leute, mit denen ich zwischen den Ruinen der Stadt gesprochen habe, sagten, dass sie „niemals an die Geschichten über Gas geglaubt’“ hätten. Diese seien von den bewaffneten Islamistengruppen in Umlauf gebracht worden.“ Weiterhin erzählte Fisk von seinem Treffen mit einem syrischen Arzt, Dr Assim Rahaibani, in einem Untergrundkrankenhaus. Dieser Arzt ist nach eigenen Angaben zwar kein Augenzeuge, behauptete aber, dass die Patienten [welche von den „Weißhelmen“ gefilmt wurden], zwar echt gewesen seien, jedoch nicht an einer Gasvergiftung gelitten hätten, sondern wegen akuten Sauerstoffmangels eingeliefert worden seien, hervorgerufen durch den in den Tunneln nach heftigen Bombenangriffen in einer stürmischen Nacht aufgewirbelten Staub.

Desweiteren zeigte „Sputnik“, ein russisches Nachrichtenportal, das Videointerview eines syrischen Jungen, der als angebliches Giftgasopfer von den „Weißhelmen“ gefilmt worden war, und seines Vaters. „Wir waren im Keller“, sagte der kleine Hassan Diab. „Mama sagte mir, dass wir heute nichts mehr zu essen haben würden, aber morgen würden wir essen. Wir hörten einen Schrei von draußen, jemand rief „geht ins Krankenhaus“. Wir rannten zum Krankenhaus, und sobald ich es betrat, ergriffen sie mich und gossen Wasser über mich.“

Das Fazit all dessen ist wohl, dass zumindest einige der von den „Weißhelmen“ in Umlauf gebrachten Videos gefälscht sind – da gibt es zum Beispiel auch ein Video, in dem der behandelnde junge Arzt äußerst theatralisch in Ohnmacht fällt, als er gerade ein angebliches Giftgasopfer behandelt – , woraus allerdings nicht der Schluss gezogen werden darf, dass notwendigerweise alles Bildmaterial aus Douma gefälscht sein muss.

Zum Abschluss ein paar Worte des US-Senators Rand Paul, der die Situation in seiner charmanten amerikanischen Art auf den Punkt bringt: „Ich sehe mir die Attacke an und denke mir, Assad muss der dämlichste Diktator auf der ganzen Welt sein – oder vielleicht hat er’s nicht getan. Ich muss Beweise sehen, dass er’s getan hat, [um es zu glauben].“

 

[1] https://www.reuters.com/article/uk-mideast-crisis-syria-usa/u-s-says-syria-may-be-developing-new-types-of-chemical-weapons-idUSKBN1FL65L

[2] https://www.nytimes.com/2018/03/02/world/europe/putin-weapons-video-analysis.html

[3] http://thehill.com/policy/international/378007-nikki-haley-us-is-prepared-for-military-action-if-un-doesnt-stop-syrian

[4] http://tass.com/world/993678

[5] http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/labor-russische-herkunft-von-gift-im-fall-skripal-nicht-nachweisbar-15524907.html

[6] https://www.independent.co.uk/news/uk/politics/boris-johnson-novichok-russia-porton-down-misled-public-jeremy-corbyn-foreign-office-tweet-a8288816.html

[7] https://www.thetimes.co.uk/article/novichok-shikhany-lab-complex-caf-s-schools-and-a-nerve-agent-lab-75hw3qdjj

[8] http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/sergej-skripal-russisches-nowitschok-labor-angeblich-identifiziert-15527348.html

[9] http://www.sueddeutsche.de/politik/grossbritanniens-regierungschefin-theresa-may-bricht-der-boden-weg-1.3930921

[10] https://www.independent.co.uk/news/world/europe/russia-sergei-skripal-cat-death-guinea-pigs-nerve-agent-attack-salisbury-house-a8291571.html

[11] https://www.independent.co.uk/news/uk/politics/viktoria-skripal-uk-visa-denied-home-office-sergei-salisbury-visit-hospital-yulia-a8292481.html

[12] https://www.independent.co.uk/news/uk/politics/viktoria-skripal-uk-visa-denied-home-office-sergei-salisbury-visit-hospital-yulia-a8292481.html

[13] https://www.nytimes.com/2018/04/03/us/politics/trump-foreign-policy.html

[14] https://www.nytimes.com/2018/04/04/world/middleeast/trump-syria-troops.html

[15] http://www.sueddeutsche.de/politik/kaempfe-in-syrien-weisshelme-berichten-von-chemiewaffenangriff-in-duma-1.3935653

[16] http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/syrienkonflikt-riss-zwischen-russland-und-israel-erkennbar-15533473.html

[17] https://www.nytimes.com/2018/04/10/world/middleeast/iran-israel-missile-syria.html

[18] http://www.deutschlandfunk.de/israel-iranische-drohne-sollte-laut-militaer-angriff.1939.de.html?drn:news_id=871694

[19] https://edition.cnn.com/2018/04/09/middleeast/syria-missile-strike-intl/index.html

[20] https://www.nytimes.com/2018/04/15/opinion/war-syria-iran-israel.html

[21] http://www.spiegel.de/politik/ausland/israel-der-todesschuss-auf-yaser-murtaja-im-gazastreifen-a-1201801.html

[22] http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/israelischer-soldat-schiesst-auf-unbewaffneten-palaestinenser-15535363.html

[23] Transkript der UN-Sicherheitsratssitzung vom 9. April 2018: http://www.un.org/en/ga/search/view_doc.asp?symbol=S/PV.8225

[24] Videoaufzeichnung der UN-Sicherheitsratssitzung vom 9. April 2018: https://www.youtube.com/watch?v=M1ld8tOaUpA

[25] http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/syrien-trump-mach-dich-bereit-russland-15536383.html

[26] https://www.ft.com/content/4b9d3c14-3f16-11e8-b7e0-52972418fec4

[27] http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-opcw-experten-auf-dem-weg-nach-duma-a-1202648.html

[28] https://www.opcw.org/news/article/opcw-issues-report-on-technical-assistance-requested-by-the-united-kingdom/

[29] https://www.opcw.org/fileadmin/OPCW/S_series/2018/en/s-1612-2018_e_.pdf

[30] https://www.opcw.org/fileadmin/OPCW/EC/M-57/en/ecm57dg01_e_.pdf

[31] https://www.theguardian.com/uk-news/2018/apr/17/nerve-agent-used-to-attack-sergei-skripal-was-liquid-says-defra

[32] http://www.bbc.com/news/world-middle-east-43747922

[33] https://www.rt.com/news/424047-russian-mod-syria-statement/

[34]https://assets.publishing.service.gov.uk/government/uploads/system/uploads/attachment_data/file/699819/Letter_from_the_UK_National_Security_Adviser_to_the_NATO_Secretary_General_regarding_the_Salisbury_incident.pdf

[35] http://www.centcom.mil/MEDIA/NEWS-ARTICLES/News-Article-View/Article/1494421/mattis-dunford-detail-attacks-on-syrian-chemical-arsenal/

[36] https://www.youtube.com/watch?v=Zb5HP_YlrH0

[37] http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-was-ueber-den-us-militaerschlag-bekannt-ist-a-1202942.html

[38] https://deutsch.rt.com/der-nahe-osten/68480-angebliche-syrische-chemiewaffenfabrik-opcw-mitarbeiter-widersprechen/

[39] https://www.welt.de/politik/ausland/article175454447/Spuren-von-BZ-Lawrow-verweist-auf-West-Kampfstoff-in-Skripals-Blut.html

[40] https://lenta.ru/news/2018/04/14/bz/

[41] http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-opcw-experten-duerfen-nach-duma-a-1203239.html

[42] http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-ermittler-verschieben-nach-schuessen-inspektion-in-duma-a-1203576.html

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