Wenn man die Konflikte im Mittleren Osten verstehen will, ist es unabdinglich, sich etwas näher mit der Sunniten-Schiiten-Problematik zu befassen. Bei vielen Journalisten habe ich den Eindruck, dass es ihnen nicht nur an Hintergrundwissen mangelt, sondern auch am Gefühl für die Sache. „Sunniten“ und „Schiiten“ sind für die meisten nur Begriffe – aber wer sich nicht ernsthaft mit dem Koran und der Lebensgeschichte des Propheten Mohammad beschäftigt hat, der kann bis zum Sankt Nimmerleinstag darüber rätseln, wie radikaler Islamismus zustande kommt.
Der folgende Artikel beschäftigt sich nicht mit aktuellen politischen Themen – aber ohne Hintergrundwissen sind aktuelle politische Themen leider nicht verständlich. Ich bitte den Leser daher um etwas Geduld.

Sunniten und Schiiten
Die Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten ist auf eine Art „Erbfolgekrieg“ nach Mohammads Tod zurückzuführen. Mohammad hinterließ keinen männlichen Nachfolger – wer also sollte nach dessen Tod sein Erbe antreten? Zwei der wichtigsten Gestalten der neuen Religion waren Mohammads bester Freund und Schwiegervater Abu Bakr auf der einen Seite und Mohammads Vetter Ali, der quasi als Ziehsohn bei ihm aufgewachsen war und später eine von Mohammads Töchtern geheiratet hatte, auf der anderen. Nach dem Tod des Propheten unterstützte ein Teil der Gläubigen Abu Bakr, ein anderer Teil unterstützte Ali. Aus den Unterstützern Abu Bakrs gingen die Sunniten hervor, aus den Unterstützern Alis die Schiiten. And that’s it. Die Spaltung des Islam geht also nicht etwa auf eine Meinungsverschiedenheit hinsichtlich der Auslegung des Korans zurück – wer den Koran gelesen hat, der weiß, dass es da eigentlich nicht viel auszulegen gibt: Mohammad erhebt nämlich den Anspruch, seine Worte kämen über die Vermittlung Gabriels direkt von Allah, und die Suren bestehen im Wesentlichen aus Anweisungen, Verboten, etc. Die Situation ist also nicht zu vergleichen mit den Konzilen der christlichen Religion, auf welchen z.B. diskutiert wurde, wie die Dreieinigkeit zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist zu verstehen sei. Da die Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten allerdings so früh vonstattenging, haben beide Konfessionen über die Jahrhunderte hinweg verschiedene Bräuche entwickelt, so dass sie sich nun in gewissen Punkten unterscheiden. Ganz allgemein gesagt ist die sunnitische Auslegung strenger als die schiitische, in welcher z.B. bis zu einem gewissen Grad bildliche Darstellungen erlaubt sind.
Die Sunniten und Schiiten trennten sich also bereits im 7. Jahrhundert voneinander, sofort nach dem Tod des Propheten. Wenn es den Muslimen also so ernst ist mit dieser Unterscheidung, wie es die westlichen Medien darstellen, dann wundert man sich vor allem über eines: Wie haben die Muslime es bis ins 21. Jahrhundert geschafft, ohne sich gegenseitig auszurotten?
Die Antwort liegt auf der Hand: Die meiste Zeit über lebten sie friedlich nebeneinander. Der Sunni-Schia-Konflikt ist nicht URSACHE der blutigen Auseinandersetzungen, sondern eher ihre FOLGE. Ein Schiite beginnt, seinem sunnitischen Nachbarn, den er von Kindesbeinen auf kennt, zu misstrauen, weil sunnitische Gruppen allen Schiiten, Alawiten, usw. mit dem Tod drohen. Es ist nicht das Misstrauen zwischen diesen beiden Nachbarn, das die Extremisten auf den Plan ruft.
Doch weshalb radikalisiert sich der Islam? Einer der Gründe ist sicherlich, dass der Islam als Banner verwendet wird, um die Menschen zu einem gemeinsamen Kampf zu vereinen. Man nehme als Beispiel die Aufstände der Syrer gegen die französische Kolonialherrschaft (denn um nichts anderes handelt es sich, auch wenn der Ausdruck „Mandat“ verwendet wurde), zu welchem Anlass sich einer ihrer Anführer (Fawzi al-Qawuqji) sogar eigens einen Bart wachsen ließ. Der „Islamische Staat“ hat seine Wurzeln im Kampf gegen die Amerikaner im Irak, „Al-Qaida“ ist eine Folge der russischen Intervention in Afghanistan.
Weshalb das Kind nicht beim Namen nennen und stattdessen die Religion als Zugpferd verwenden? Nun, der Islam ist in der arabischen Gesellschaft stark verwurzelt; Kultur und Islam sind zu einer untrennbaren Einheit verschmolzen. Das ist nicht zu vergleichen mit dem Status des Christentums in Europa. Wer den Islam angreift, greift zugleich auch die Kultur dieser Völker an, und wenn die Menschen den Eindruck haben, ihre Kultur würde zerstört, so empfinden sie dies als Angriff gegen ihre Religion. Hieraus erklärt sich auch zum Teil die Ablehnung gegen Modernisierungen, die man in manchen Bevölkerungen anzutreffen ist. Auch das ist ein wichtiger Punkt: Im Westen wird die Situation stets so dargestellt, als unterdrücke eine rückständige Regierung diktatorisch ein weltoffenes Volk, welches sofort unsere „westlichen Werte“ annehmen würde, wenn man es nur befreite. Da ist die Verwunderung dann freilich groß, dass die muslimischen Frauen nicht sofort ihre Kopftücher abwerfen, sobald sie europäischen Boden betreten, und die Männer keinerlei Verständnis für Frauen in Miniröcken zeigen. In Wirklichkeit ist es so, dass die Bevölkerung in den ländlichen Gegenden der Nationen des Mittleren Ostens (es herrscht ein extremer Unterschied zwischen Stadt und ländlicher Gegend vor) an ihren Traditionen festhalten will. Die Männer finden es unanständig, wenn ihre Frauen ohne Kopftuch herumlaufen, ihre Töchter auf gemischte Schulen gehen, usw. Die Geschichte zeigt, dass die radikaleren islamistischen Gruppierungen schnell Zulauf erhalten, wenn eine Regierung im Mittleren Osten zu schnell und zu radikal Modernisierungen durchführt (Schulpflicht für Mädchen, Kopftuchverbot). Letzten Endes sieht sich die Regierung gezwungen, die Neuerungen wieder zurückzunehmen (Beispiel: Schah Mohammad Reza machte aufgrund der schwierigen politischen Situation im Iran wesentlich mehr Zugeständnisse an der Klerus als sein Vater – und trotzdem wurde er letztendlich durch eine islamische Revolution gestürzt; Baschar Assad nahm das wenige Jahre zuvor erlassene Gesichtsschleierverbot an Lehreinrichtungen zurück, als der syrische Konflikt ausbrach; die Besetzung der Großen Moschee durch Islamisten in Saudi Arabien war eine Aktion gegen den zu westlichen Lebensstil des Königshauses) oder aber gestürzt zu werden (zwei Fälle allein in Afghanistan). In diesem Kontext ist auch zu verstehen, weshalb der sogenannte „arabische Frühling“ Islamisten an die Macht zu bringen pflegt.
Ein weiterer Grund, die Bevölkerung mittels der Religion zum Aufstand zu bewegen, ist, dass die Moscheen verwendet werden können, um die Botschaft unters Volk zu bringen.
Eine Parallele zu diesem Phänomen findet sich übrigens im westlichen Kulturkreis der Gegenwart: Im Nordirlandkonflikt stehen sich oberflächlich betrachtet Katholiken und Protestanten gegenüber. Ist das etwa ein Religionskrieg zur Jahrtausendwende in Europa? Natürlich nicht. Vereinfacht gesagt stehen sich die „autochthonen Iren“ und die Nachkommen der „britischen Kolonialherren“ gegenüber, die im Norden Irlands ganz besonders zahlreich vertreten sind. Da Irland vor der Invasion der Briten erzkatholisch war, die Eindringlinge jedoch protestantisch, wurde die Religion quasi zum Unterscheidungskriterium zwischen „echten“ Iren und den Invasoren. Die „Katholiken“ forderten dementsprechend den Anschluss Nordirlands an Irland, die „Protestanten“ wollen im Commonwealth verbleiben. Wie man sieht, hat das mit Religion absolut nichts zu tun.

Stämme
Das führt mich zu einem weiteren elementaren Punkt über Schiiten und Sunniten. Im Mittleren Osten ist die Stammeszugehörigkeit von großer Wichtigkeit – man stelle sich den Stamm als eine sehr, sehr, seeehr große Familie vor – und im Alltagsleben ist sie wichtiger als die Religion. Die Mitglieder eines Stammes gehören freilich alle derselben Religion an. (Wieder hilft der Vergleich mit der Familie: In meiner Familie z.B. werden alle Kinder als katholische Christen getauft.) Der benachbarte Stamm kann jedoch eine andere Religion haben. Man stelle sich nun vor, zwei Stämme – der eine sunnitisch, der andere zufälligerweise schiitisch – gerieten wegen einer Weide für ihre Tiere, oder eine Wasserstelle, etc. aneinander. Westliche Medien würden darin zweifellos eine weitere Manifestation des legendären Sunni-Schia-Konflikts sehen, während in Wirklichkeit einfach zwei Familien um eine Schafweide streiten. Sie würden auch dann streiten, wenn beide Stämme schiitisch wären. Mit Religion hat das wiederum nichts zu tun.
Alawiten und Drusen sind in erster Linie als Stämme zu betrachten und nicht als Religionsgemeinschaft. Der Grund, aus dem viele enge Mitarbeiter Hafiz al-Assads Angehörige des alawitischen Glaubens waren, erklärt sich einfach dadurch, dass sich Assad in dieser unruhigen Zeit mit Personen zu umgeben suchte, denen er vertraute – und das waren eben oftmals Personen aus seinem Dorf. Da dieses Dorf alawitisch war, waren auch diese Personen alawitisch. Die Vorstellung, dass es sich hierbei um die Machtübernahme der alawitischen Religionsgemeinschaft über die sunnitische handelt, ist absurd. Es handelt sich um die Machtübernahme eines Clans; dass dieser Clan alawitisch ist, ist nebensächlich. Und dennoch liest man oft genug, einer der Auslöser des Syrienkonflikts sei der Umstand gewesen, dass ein Alawite über Sunniten herrsche. In gewisser Hinsicht ist diese Pseudo-Interpretation nicht nur dilettantisch, sondern beleidigend für das syrische Volk.
Der „Arabische Frühling“ in Libyen kann als eine Clanrevolte gesehen werden.

Koran
Abschließend möchte ich einige allgemeine Worte zum Koran sagen. Gegen die salafistische Auslegung wird immer wieder angeführt, die Textpassen – wie etwa das berühmt-berüchtigte „Tötet sie, wo immer ihr sie findet“ – seien aus dem Kontext genommen und der Islam predige in Wirklichkeit Liebe und Miteinander, etc. Und tatsächlich ist der Kontext extrem wichtig. Daher empfehle ich jedem Interessierten, den Koran nicht isoliert zu lesen, sondern sich ein Buch über das Leben Mohammads zu besorgen. Da wird schnell deutlich, dass Mohammads Meinung über Christen und Juden, denen er generell wohlgesinnt ist, und die er als Vorläufer seiner Religion anerkennt, abhängig ist von der politischen Lage. Die Offenbarungen, die Mohammad bezüglich der Juden erhält, fallen immer dann negativ aus, wenn er gerade gegen einen jüdischen Stamm Krieg führt. Dementsprechend variieren die Aussagen über Juden und Christen in den verschiedenen Suren beträchtlich. Mal heißt es, sie sollen quasi als Brüder behandelt werden, mal werden sie als Feinde betrachtet.
Mohammad kann als Reformer gesehen werden. So beschäftigen sich einige Verse mit den Rechten von Waisen und Frauen, deren Lage vor Mohammad um einiges schlechter war. Auch wird zu einem friedlichen Umgang miteinander aufgerufen. Überhaupt ist der Koran zu einem beträchtlichen Teil ein Verhaltenskodex für das von Mohammad angeführte Volk. Bei der Lektüre der Lebensgeschichte Mohammads fällt sehr positiv auf, dass er generell milde und nicht nachtragend ist. So vergibt er nahezu jedem ganz gleich welche Untat, selbst wenn es sich um seine erbittertsten Gegner handelt. Nie handelt er aus Rache.
Allah wird im Koran der „Allbarmherzige“ genannt – generell ist es ihm aber mehr um Gehorsam als um Nächstenliebe zu tun, das muss ganz klar gesagt werden. Der Koran steht dem Alten Testament sehr viel näher als dem Neuen Testament. Der gelebte Islam in der muslimischen Gesellschaft mag etwas milder ausfallen, und es gibt sicherlich viele islamische Geistliche, die Nächstenliebe predigen – aber die Nächstenliebe ist nicht das charakteristische Element des Koran. Allah will, dass man ihm gehorcht – und zwar einfach deshalb, weil er Gott ist.
Weshalb sperrt sich der Islam so energisch gegen Modernisierung? Die Salafisten gehen sogar so weit, zu behaupten, ein modernisierter Islam sei überhaupt kein Islam mehr. Dies ist einer Eigenheit des Korans geschuldet, den andere Religionen in dieser extremen Form nicht aufweisen. Der Koran ist ausdrücklich das Wort Allahs. Im Koran wird immer und immer wieder betont, dass das Wort Allahs Ewigkeitscharakter hat. Jeder – so heißt es im Koran – der etwas an der Lehre, die Mohammad übermittelt wird, ändert, begeht eine Schandtat. Dieser Punkt wird in nahezu jeder Sure aufgegriffen. Was Mohammad dadurch bezwecken wollte, ist klar: Er wollte offensichtlich vermeiden, dass nach seinem Tode seine Worte von Scharlatanen verdreht (noch zu seinen Lebzeiten tauchen in der Gegend zwei oder drei Möchtegernpropheten auf!), bzw. in einem eigennützigen Sinne ausgelegt würden. (Z.B. könnte jemand sagen „Ja, man darf zwar einer Waise nicht ihr Eigentum nehmen, aber in diesem speziellen Fall sollte man aus diesem oder jenem Grund eine Ausnahme machen … “) Mohammad kennt seine Leute ganz genau, das merkt man, und er will jede Form von Missbrauch seiner Lehre von vornherein ausschließen. Leider ergibt sich daraus der Nebeneffekt, dass der Koran quasi in Stein gemeißelt ist. Es wird ja jeder Versuch einer Modernisierung oder Umdeutung direkt verboten. Das ist ein echtes Problem. Hätte Mohammad vorausgesehen, was dieser Stil anrichtet, da er den islamischen Extremismus beflügelt, dann hätte er sich sicherlich für eine andere Formulierung entschieden. Mit diesem Argument kann ich aber einem Salafisten nicht entgegentreten, da er mir antworten wird: „Mohammad hat keinen ‚Stil‘, seine Worte kommen direkt von Allah. Wenn du nicht glaubst, dass der Koran von Allah kommt, dann such dir eine neue Religion.“ Allahu akbar, und Punkt.
Keine Passage im Koran rechtfertigt jedoch die harte Haltung der sunnitischen Extremisten gegen die Schiiten. Den Schiiten kann nicht vorgeworfen werden, den Koran in irgendeiner Weise verändert oder falsch ausgelegt zu haben. Vor seinem Tode beauftragte Mohammad zwar Abu Bakr (Stammvater der sunnitischen Glaubensrichtung) damit, die Gebete zu leiten, aber er ernannte ihn nicht ausdrücklich zu seinem Nachfolger. Mit gleichem Recht kann Ali (Stammvater der schiitischen Glaubensrichtung) die Nachfolge für sich in Anspruch nehmen. In alten Quellen ist nämlich eine Episode überliefert, in welcher Mohammad Gäste zu sich lädt und sie dazu aufruft, den Islam anzunehmen. Mohammad sagt u.a.: „Wer von euch wird mir dabei helfen und will mein Bruder, mein Stellvertreter und mein Nachfolger sein?“ Niemand meldet sich außer dem dreizehnjährigen Ali. Daraufhin legt Mohammad Ali die Hand auf die Schulter und sagt: „Dies ist mein Bruder, mein Helfer und mein Nachfolger unter euch. Hört auf ihn und gehorcht ihm!“

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