AhrarashShamFSAalNusraFünf Jahre nach Beginn des syrischen Bürgerkriegs scheint diese Frage immer noch nicht geklärt sein. Zwar gestehen die westlichen Medien ein, dass die FSA Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen hat, doch wird das oftmals mit der Erklärung abgetan, na ja, die wollten sich halt am „blutigen Regime“ rächen. Da kann es schon mal vorkommen, dass man vierzig Sekunden lang mit der Kalaschnikow auf eine Gruppe gefangener unbewaffneter Soldaten schießt… Auch gereicht der FSA in dieser Hinsicht ihre zerstückelte Kommandostruktur zum Vorteil: Es ist nie die FSA verantwortlich, sondern eine der widerspenstigen, unter ihrem Banner kämpfenden Rebellengruppen hat sich mal wieder danebenbenommen. Die FSA verspricht auch immer brav, die „Verantwortlichen“ zur Rechenschaft zu ziehen.

In diesem Artikel möchte ich darlegen, weshalb die FSA nicht als gemäßigt gelten kann – und das schon seit 2012. Aus diesem Grunde könnte der folgende Beitrag einigen Lesern als einseitig erscheinen, und das ist er auch: All die Werke der Nächstenliebe, die die FSA vollbracht haben mag, finden hier keine Berücksichtigung, und auch auf die Natur der regierungstreuen ash-Shabiha-Milizen und deren mögliche Verbrechen will ich nicht eingehen; nicht anders steht es mit Assads „Foltergefängnissen“. Die Soldaten der syrischen Armee sind reguläre Soldaten; es ist meiner Meinung nach alles andere als fair, sie auf eine Stufe mit Milizen zu stellen, wie es in den westlichen Medien oft geschieht, indem sie nicht als „Soldaten“ sondern als „Assad-Kämpfer“ oder Ähnliches bezeichnet werden. Besonders befremdlich mutet die Diskussion an, die zwischen 2012 und 2013 in den Medien darüber geführt wurde, ob es denn nun ein Kriegsverbrechen ist, unbewaffnete Soldaten nach einem Pseudoprozess an einer Wand aufzureihen und abzuknallen. Die Organisation „Human Rights Watch“ sieht sich im März 2012 schließlich zu einem offenen Brief veranlasst, in dem sie die FSA und andere moderate Rebellengruppen (von islamistischen oder gar terroristischen Gruppen ist zu diesem Zeitpunkt im Westen noch nicht die Rede) dazu aufruft, sich doch bitte an die Genfer Menschenrechtskonvention zu halten.

Im Folgenden werde ich auf einige von FSA-Kämpfern begangene Verbrechen eingehen, die ich für wohldokumentiert halte.

1) In einer BBC-Dokumentation werden im August 2012 die Aufnahmen von „New York Times“-Reportern gezeigt, die eine unter dem Banner der FSA kämpfende Rebellengruppe begleiten. Diese Rebellengruppe hat einen Kämpfer der Shabiha gefangen genommen. Nachdem der Mann geschlagen wurde, sind die Rebellen plötzlich sehr nett zu ihm, bieten ihm sogar Zigaretten an. Sie behaupten, er würde im Rahmen eines Gefangenenaustauschs freigelassen. Dann wird der Mann ans Steuer eines Jeeps gesetzt. Was er nicht weiß, ist, dass sich auf der Ladefläche Sprengstoff befindet, der von den Milizen gezündet werden wird, sobald er einen Regierungscheckpoint passiert, was ihn zu einem unfreiwilligen Selbstmordattentäter machen würde. Zur großen Enttäuschung der Milizen schlägt der Plan jedoch fehl, da die Bomben nicht detonieren. Die NYT-Reporter behaupten, nicht gewusst zu haben, worum es sich bei der Aktion in Wahrheit handelte, als sie diese filmten. Wie dem auch sei, BBC zeigt den Beitrag nicht mehr auf ihrer Webseite, allerdings gibt der Text noch den Inhalt des Videos wieder. Das Video kann man allerdings hier auf diesem YouTube-Kanal sehen.

2) Der Mord an Ali Zein (Zeino) el Abidin Barri.

Auf einem Video ist eine Gruppe Männer – die Gesichter von einigen sind blutig, ein älterer Mann trägt nur Unterwäsche – zu sehen, die vor einem „Freie Syrische Armee“ und „Allahu Akbar“ grölenden Mob mit dem Rücken zur Wand unter 45-sekündigem Sturmgewehrfeuer hingerichtet werden. Solche Hinrichtungen sind keine Seltenheit; in der Regel gehen ihnen von FSA-Leuten durchgeführte Pseudogerichtsprozesse voraus, die auf der Scharia basieren. Einer der Hingerichteten ist Zeino al-Barri, ein lokaler Politiker, Mitglied des Parlaments. Wohlgemerkt, dieser Mann ist vor den Aufständen ins Parlament gewählt (!) worden („Al Jazeera“). Er gehörte einer einflussreichen sunnitischen (!) Familie an, die Assad unterstützt. Es ist also nicht ganz korrekt, wenn der schweizerische „Tagesanzeiger“ von der „Barri-Bande“ spricht. Auch „Die Welt“ spricht ganz selbstverständlich von Barri als dem „Shabiha-Führer“ Aleppos. Der al-Jazeera-Artikel gibt Aufschluss über die Ursprünge des Missverständnisses: Die Rebellen haben den Begriff „Shabiha“, der ursprünglich lediglich eine alawitische Miliz bezeichnete, nun auf alle Unterstützer Assads ausgeweitet. Darüber wundert sich selbst der al-Jazeera-Reporter. So wird der sunnitische Clan der Barri zur „Shabiha“ Aleppos. Eine Sternstunde westlichen Journalismus, der dies einfach ungeprüft übernimmt. Also Vorsicht: Wenn ein Gefangener der Rebellen als Shabiha-Mitglied bezeichnet wird, bedeutet das nicht unbedingt, dass er der Shabiha angehört hat, nein, es kann sich auch um eine normale Person handeln, die die Regierung in irgendeiner Weise unterstützt hat.

3) Sehr aufschlussreich ist die Dokumentation syrisches Tagebuch der Rossija24-Journalistin Anastasia Popowa, die 2012 acht Monate lang die syrische Armee begleitete. Zu diesem Zeitpunkt wurde nirgendwo in den Medien so genau zwischen den verschiedenen Rebellengruppen unterschieden, weshalb ich mich fragte, ob die dort beschriebenen Gräueltaten wirklich auf die FSA zurückzuführen sind oder bereits auf die ersten Erscheinungen radikaler Gruppierungen zurückgehen. Fakt ist, dass sich diese Leute selbst als FSA bezeichnen, und an einigen Stellen die FSA-Flagge zu sehen ist. Wie dem auch sei, der Westen unterstützt zu diesem Zeitpunkt, zumindest moralisch, alle Formen von Aufständischen, und will die Existenz der Radikalen nicht eingestehen. Das bedeutet aber, dass der Westen bewusst die Augen vor der wahren Natur der syrischen „Revolution“ verschließt. Ich empfehle, sich die Reportage anzusehen, fasse aber dennoch hier einige wichtige Punkte zusammen. Zum Beispiel wird eine fürs syrische Staatsfernsehen arbeitende junge Reporterin interviewt, die mit ihrem Kamerateam von der FSA entführt worden war. Die FSA holt sich Informationen beim vom Westen anerkannten „Syrischen Nationalrat“ ein, wie mit den Gefangenen zu verfahren sei. Die syrische Reporterin erzählt, es seien aus dem Ausland Anweisungen per SMS an die Geiselnehmer eingegangen, die sie dann vor laufender Kamera vorlesen musste. Übrigens wurde sie gezwungen, ein Kopftuch zu tragen, so viel also zur weltlichen Ausrichtung der Kidnapper. Als auf dem Mobiltelefon eines Kameramannes Bilder gefunden wurden, die die Entführer zu der Annahme veranlassten, er unterstütze das Regime, wurde er erschossen. Der Rest des Filmteams wurde von der Armee befreit.

Die Soldaten, die Popowa im Beitrag interviewt, wirken glaubwürdig. Es fällt natürlich auf, dass die Dokumentation sie fast zu Helden stilisiert, aber wenn man sich das Ende des Films ansieht, scheint das verzeihlich: Einer der Soldaten, mit dem das Kamerateam gedreht hat, wird von Rebellen gefangen genommen. Ihm wird bei lebendigem Leibe der Kopf abgesägt. Unter solchen Voraussetzungen noch in der Armee zu arbeiten, erfordert gewiss Mut, wenn nicht Heldenmut. Die Witwe berichtet, dass sich die Entführer am Telefon als Mitglieder der „Freien Armee“ bezeichneten. Dennoch könnte es sich theoretisch um einen Sammelbegriff handeln. Auf dem Video, dass den Soldaten kurz vor seinem Tod zeigt (ist wohl aus den sozialen Netzwerken), ist am Ende auf einem Stück schwarzem Stoff die Schahada, also das islamische Glaubensbekenntnis, zu sehen. Das würde eher auf al-Nusra hindeuten; andererseits taucht dieser Schriftzug in vielen Kontexten auf (die Flagge al-Nusras und Saudi-Arabiens unterscheiden sich allein durch die Farbe).

An Stelle 29:31 ist der Ausschnitt eines Videos zu sehen, dass einen Kämpfer zusammen mit einem Mann zeigen, der offensichtlich gerade gefoltert wird. Das Magazin des Soldaten ist mit der Flagge der FSA bemalt.

 

Die Soldaten berichten, einige der Kämpfer gebärdeten sich wie Berserker oder kämpften trotz schwerer Verletzungen weiter. In ihrem Blut seien Drogen gefunden worden. Mittlerweile ist bekannt, dass die FSA und auch andere Gruppierungen ihren Kämpfern das Amphetamin Captagon verabreichen. (Siehe z.B. „The Guardian“).

Im Video ist auch ein Rebellenkämpfer (nicht klar, welcher Gruppe der Mann angehört) zu sehen, der erzählt, dass er und seine Bande absichtlich Zivilisten getötet hätten, um es der Armee anzulasten. Hier ist leider nicht klar, was dem Interview vorangeht. Es ist möglich, dass der Mann bei einem vorangegangenen Verhör gefoltert wurde. Ein zweiter Mann sagt an anderer Stelle der Dokumentation Ähnliches.

4) Der Klassiker, den auch Assad immer wieder gerne in Interviews anführt, wenn die Sprache auf die moderaten Rebellen kommt: Ein FSA-Kommandeur beißt in das Herz eines getöteten syrischen Soldaten. (Z.B. „Augsburger Allgemeine“) Da gibt es nichts hinzuzufügen, außer vielleicht den Leser darauf aufmerksam zu machen, dass es sich um einen Kommandeur (!) der FSA handelt und nicht einfach um irgendeinen armen Irren.

5) FSA-Gefängnis. In der „Welt“ wird von einem FSA-„Gefängnis“ berichtet, in das die Gefangenen (hauptsächlich Shabiha oder Soldaten) gebracht werden, nachdem sie zuerst im FSA-Hauptquartier in Aleppo gefoltert wurden. Von ihren „Geständnissen“ ist daher nicht mehr zu halten als generell von jedem unter Folter gemachten Geständnis. Das „Gericht“ erfolgt nach islamischem Recht, den ein FSA-Kommandant gegenüber dem Reporter als „religiösen Justizrat“ bezeichnet. Auch wird in diesem Artikel berichtet, wie die FSA nach Einnahme einer Polizeistation deren Leiter auf offener Straße exekutierte.

6) Aus einem Spiegel-Artikel erfährt der Leser, dass es zudem unter den Rebellen der Farouk-Brigade in Homs, die der FSA unterstehen, eine „Verhör-Brigade“ gibt, die für die Folter gefangener Soldaten und Informanten zuständig ist, sowie eine „Begräbnis-Brigade“, die den im Rahmen eines Standgerichts „Verurteilten“ die Kehlen durchschneidet und sie dann auf einem Gräberfeld hinter der Stadt verscharrt. „Ob das Geständnis durch Schläge erzwungen worden war, war Hussein [einer der Henker der „Begräbnis-Brigade“] gleich, ebenso, dass sein Opfer Todesangst hatte, Gebete stammelte. Sein Pech, dass die Rebellen ihn geschnappt hatten.“ (Spiegel) Und weiter: „“Seit vorigem Sommer haben wir nicht ganz 150 Mann hingerichtet, das sind etwa 20 Prozent unserer Gefangenen“, sagt Abu Rami [hochrangiges Mitglied der Farouk-Brigade]. (…) Mehr Arbeit als die Kriegsgefangenen machten den Scharfrichtern von Homs jedoch die Rebellen aus den eigenen Reihen. „Wenn wir einen Sunniten beim Spionieren erwischen oder wenn ein Bürger die Revolution verrät, machen wir kurzen Prozess“, sagt der Kämpfer. 200 bis 250 Verräter habe Husseins „Begräbnis-Brigade“ seit Beginn des Aufstands hingerichtet, so Abu Rami.“

7) Verschiedenes:

– Ermordung des Schauspielers Mohammad Rafeh, weil diesem Regimetreue vorgeworfen wird: Al Arabiya

– Libanesischer „Daily Star“ berichtet von verschiedenen Gräueltaten und Massenexekutionen an Soldaten, von denen einige aber Jeans tragen, was auch immer das impliziert.

Solche Vorfälle als „Ausrutscher“ einer ansonsten ehrenhaften Freiheitsbewegung abzutun, halte ich für gefährlich. Wie man an den Gerichten, Exekutionen und Gefängnissen der FSA erkennt, hat das Ganze durchaus System. Wenn das Verspeisen des Herzens eines Gegners als „Ausrutscher“ eines einzelnen Spinners qualifiziert werden soll, dann müsste eine von einem syrischen Soldaten begangene Gräueltat ebenfalls als eine nicht mit der Armee in Zusammenhang stehende Tat eines Privatmenschen angesehen werden, was in der Praxis gewiss nicht der Fall wäre. Man stelle sich das Geschrei in den Medien vor, wenn die Sachlage umgekehrt wäre, und ein syrischer Offizier einen toten Rebellen ausweiden würde!

Was den heutigen Zustand der FSA betrifft, möchte ich einen Artikel von Rainer Hermann in der FAZ zitieren: „Viele dieser zahlreichen Gruppen beanspruchen für sich, Teil der „Freien Syrischen Armee“ (FSA) zu sein. Denn der Westen will nur sogenannte „gemäßigte Rebellengruppen“ unterstützen. Das hat den Eindruck erzeugt, dass es eine zusammenhängende FSA überhaupt gebe. Von ihr war erstmals im Juli 2011 die Rede, als die Türkei den früheren syrischen Oberst Riad Asaad als Kommandeur in der Hoffnung förderte, den Aufstand gegen das Regime Assad zusammenzuführen. Die FSA fiel zwar auseinander. Alle weiteren Versuche, eine gemeinsame Truppe mit einer einheitlichen Kommandostruktur zu schaffen, scheiterten und wurden schließlich 2014 aufgegeben. Der Name hat sich aber gehalten, er wurde die Voraussetzung dafür, dass Rebellen Unterstützung aus dem Westen und den Golfstaaten bekommen. Der Name sollte sicherstellen, dass sich die Aufständischen von Al Qaida abgrenzen und für westliche Werte wie Demokratie und Pluralismus stehen.“

Die FSA ist dennoch die „gemäßigtste“ Gruppe des Oppositionsbündnisses, welches Mohammed Alloush auf der Genfer Friedenskonferenz als Chefunterhändler des „Hohen Verhandlungskomitees“ anführt. Mohammed Alloush ist der Bruder des verstorbenen Anführers der Islamischen Front Zahran Alloush. Welche Zukunft sich ein Bündnis, welches sich „Islamische Front“ nennt, für Syrien nach dem Sturz Assads vorstellt, geht aus dem Namen hervor. Der Chefunterhändler geht mit der Einstellung in die Verhandlungen, Assad müsse gestürzt oder am besten gleich hingerichtet werden („Deutschlandfunk“). Aus nachvollziehbaren Gründen erschwert diese Herangehensweise eine Verständigung mit den Unterhändlern der Regierung. Die einzige Lösung des syrischen Konflikts besteht also offensichtlich darin, keine Rebellengruppen mehr von außen zu unterstützen, seien diese nun gemäßigt, weniger gemäßigt, radikal oder terroristisch. Dass das nicht geschieht, sagt einiges über den Zustand der Weltpolitik aus.

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