Vor ein paar Tagen bin ich auf einen interessanten Artikel in der Online-Zeitung „al-Monitor“ gestoßen, den ich hier übersetzt wiedergeben möchte.

Im Mai gab Israel die Einrichtung einer Kontaktstelle („Liaison Unit“) bekannt, die dafür zuständig sein sollte, mit syrischen Einwohnern im von der Opposition gehaltenen südlichen Syrien die Verteilung israelischer humanitärer Hilfe über 35 Dörfer zu koordinieren. Am 11. Juli stationierte die israelische Armee dann mehrere Bulldozer und einen Panzer 300 Meter (328 Yards) innerhalb des syrischen Territoriums in Quneitra und begann mit Grabungen.

Trotz der offiziellen israelischen Politik, sich nicht in Syriens Bürgerkrieg einzumischen – abgesehen von medizinischer Hilfe für mehr als 2000 Syrer, darunter auch Kämpfer Jabhat al-Nusras – bestätigten einige Persönlichkeiten der syrischen Opposition, die enge Verbindungen zu israelischen Amtsträgern haben, gegenüber al-Monitor ein gestiegenes Interesse [Israels] an der Einrichtung einer „Sicherheitszone“ in Südsyrien. Kamal al-Labwani, ein Mitglied der syrischen Opposition und ein vehementer Befürworter einer solchen Sicherheitszone, ist in den letzten beiden Jahren mit israelischen Amtsträgern [„Israeli Officials“] zusammengetroffen. Bei seinem letzten Besuch im Februar bemerkte er eine deutliche Änderung der Haltung dieser Leute in Bezug auf die „Sicherheitszone“.

„Ich war überrascht, dass sie im Parlament [Knesset] der Idee einer Sicherheitszone positiv gegenüberstehen, und dass falls wir ihre Hilfe benötigten, sie bereit wären, sie zu leisten“, erzählte Labwani „al-Monitor“ und fügte hinzu, dass er sich mit mehreren hohen Amtsträgern und ausländischen Diplomaten getroffen habe, um für die Einrichtung einer Sicherheitszone zu werben. Bei einem Treffen mit dem amerikanischen Botschafter für Israel habe dieser ihm versichert, „dass die Amerikaner nicht ’nein‘ sagen würden.“ Labwanis Kontaktleuten zufolge sei auch Premierminister Netanyahu nicht dagegen.

Labwanis Worten gemäß soll die vorgeschlagene Sicherheitszone 10 Kilometer (6,2 Meilen) weit in syrisches Territorium hineinreichen und sich ungefähr 20 Kilometer (12,4 Meilen) entlang der Grenze erstrecken, von der Ortschaft Hadar (ein regierungstreues Drusendorf) bis ins südliche Quneitra. Innerhalb dieser Fläche befinden sich 17 Dörfer mit einer Gesamtpopulation von ungefähr 15000 Menschen. „Die Israelis sagten, dass sie ihre nationale Sicherheit als Rechtfertigung vor der internationalen Community anführen würden. Sie wollten ihre Grenzen schützen“, sagte Labwani.

Die oben angesprochene „Liaison Unit“ wurde im Mai 2016 ins Leben gerufen, zu dem Zweck, humanitäre und medizinische Hilfe im Süden Syriens zu koordinieren, nicht zuletzt, um sich mit der dortigen Bevölkerung gutzustellen. Die Kontaktstelle basiert auf „Yakal“, einer analogen „Liaison Unit“, die von Israel während des libanesischen Bürgerkriegs zur Kommunikation mit der libanesischen Bevölkerung sowie Milizen eingerichtet worden war. 1975, also zu Beginn des libanesischen Bürgerkriegs, hatte Israel im Rahmen einer „Good Fence Policy“- Politik damit begonnen, Kontakt zu libanesischen Bürgern aufzunehmen. Gemäß den Angaben der Libanesen baute Israel ein Netzwerk von Kollaborateuren auf und spielte die Konfessionsängste gegen die Palästinenser aus. [Anm.: Ich vermute, die Autorin will darauf hinaus, dass die Libanesen im Südlibanon vorwiegend der schiitischen Glaubensrichtung angehören, während die palästinensischen Flüchtlinge Sunniten sind.] Innerhalb weniger Monate stellte Israel die „Free Lebanon Army“ unter Leitung des entlassenen libanesischen Kommandeurs Saad Haddad auf die Beine. 1980, als Haddad alt und krank war, wurde daraus die „South Lebanon Army“ unter dem Befehl von Antoine Lahd. Der primäre Gegner dieser Gruppierung waren Palästinenser und anti-israelisch gesinnte Libanesen. So trug die „South Lebanon Army“ dazu bei, den Weg für die israelische Invasion [1982] in den Libanon zu ebnen. [Bis 1985 war der Süden des Libanons von Israel okkupiert; danach wurde eine Sicherheitszone eingerichtet, die im Jahr 2000 hauptsächlich aufgrund der Gegenwehr der Hizbollah wieder aufgegeben werden musste.]

Ein ähnliches Szenario scheint sich 40 Jahre später in Syrien zu wiederholen.

„Israel hat eine lange Geschichte betreffend seiner nördlichen Grenzen und sieht die Situation in Südsyrien innerhalb seiner strategischen Parameter“, sagte Robert Rook, der Leiter der geschichtlichen Fakultät an der Towson University in den USA zu „al-Monitor“. Rook, der sich auf Israel und Syrien spezialisiert hat, fügte hinzu: „Etwas in der Art des ‚Good Fence‘- Arrangements findet derzeit statt, und es steckt sicherlich mehr dahinter als humanitäre Hilfe und gute PR.“ [„Something akin to the ‚Good Fence‘ arrangement is in place, and beyond the humanitarian and good PR, there certainly is intelligence to be gleaned in the process.”]

Nachdem die syrische Regierung sich gezwungen sah, das Gebiet [der hier diskutierte von Rebellengruppen besetzte Süden] zu verlassen und sich auch die UN-Blauhelme zurückgezogen haben, befindet es sich nun unter der Kontrolle eines Sammelsuriums aus verschiedenen Oppositionsgruppen und Extremistengruppen. Die Ankunft von Binnenflüchtlingen, die entweder vor den Kämpfen zwischen der regulären Armee und den Oppositionsgruppen oder der Oppositionsgruppen untereinander fliehen, tragen noch zu der angespannten Lage, in der sich die Bevölkerung ohnehin befindet, bei.

„Wenn Israel die im Süden lebenden Syrer mit humanitärer Hilfe und Medikamenten unterstützt, wird diese über kurz oder lang aufhören, in Israel einen Feind und eine Bedrohung zu sehen“, sagt Labwani. Seinen Worten zufolge unterhält Israel im Süden ein ausgedehntes Netzwerk zur Informationsgewinnung und Kommunikation. „Die Leute sind nun arm und hungrig und würden daher für jeden arbeiten, um ein bisschen Geld zu verdienen.“

Moti Kahana ist der israelisch-amerikanische Gründer der NGO [Nichtregierungsorganisation] „Amaliah“ mit Sitz in den USA, die für die Einrichtung einer Sicherheitszone wirbt. Kahana, der eng mit Labwani zusammenarbeitet, sagt, dass die israelische Regierung ihm grünes Licht gegeben habe, um im Gebiet der geplanten Sicherheitszone zu operieren. „Wir haben bereits mit der Arbeit begonnen“, teilte Kahana „al-Monitor“ in einem Telefongespräch aus seinem Büro in New York mit. „Im Laufe der nächsten paar Wochen werden wir Güter in die Sicherheitszone in Syrien bringen.“ Kahana erklärte, dass im ersten Stadium Medizin und Ausrüstung ins betreffende Gebiet gebracht werde, in einem zweiten Stadium würde der Fokus dann auf der Bildung liegen, indem Schulen eröffnet würden. Im dritten Stadium würde man bei der Formierung und Ausrüstung einer lokalen Polizeitruppe behilflich sein. „Die Städte und Dörfer in denen wir arbeiten wollen, haben wir bereits ausgemacht, aber ich kann Ihnen die genauen Standorte nicht mitteilen“, sagte er. Auch lehnte er ab, die Oppositionsgruppen zu nennen, mit denen die Organisation zusammenarbeitet.

Nach der Einrichtung der „Liaison Unit“ im Mai traf kurze Zeit später israelische humanitäre Hilfe in den von der Opposition gehaltenen Gebieten ein. Abu Omar al-Joulani, der Sprecher des „Revolutionary Command Council for Quneitra and Golan, sagte „al-Monitor“: „Ein Netzwerk von Kollaborateuren, die mit den Israelis zusammenarbeiten, hat es möglich gemacht, dass die humanitäre Hilfe ihr Ziel erreichte.“ Er fügte hinzu: „Wir wissen nicht, wer sie sind, aber sie haben in der Nacht operiert und die Lieferungen an 35 Dörfer verteilt, einschließlich Saida al-Hanout, Ghadir al-Bustan und al-Hisha.“ Dies deute seiner Meinung nach auf ein festes Verteilungssystem hin, dass einen weiten Teil des Territoriums erfasst.

Das Gebiet wird von ungefähr 14 Brigaden gehalten, darunter die „Free Syrian Army“, „Jabhat al-Nusra“ und die dem IS nahestehende Shuhada al-Yarmouk. „Keine dieser Gruppen hat ein Problem mit Israel, und Israel hat auch kein Problem mit ihnen“, sagte Labwani. „Probleme haben nur die Gruppen untereinander.“

Issam Zeitoun, ein weiterer Oppositioneller mit Kontakten zu Israel, bestätigte eine verdeckte Beziehung zwischen Israel und einigen Brigadekommandeuren, speziell denjenigen, die mit dem im Jordan lokalisierten Militäroperationszentrum zu tun haben. Zeitoun, der einzige Syrer, der von Israel zur jährlichen Sicherheitskonferenz in Herzliya eingeladen war, setzt sich ebenfalls für eine Sicherheitszone ein. „Über Jahrzehnte wurde uns eingetrichtert, dass Israel unser Feind ist“, sagte er. „Aber so ist es nicht. In Wirklichkeit ist Israel der einzige, der unsere Feinde bekämpft.“ Laut Zeitoun beginnt die vorgeschlagene Sicherheitszone von Jbeta al-Khashab [südlich von Hadar] und reicht bis Saida al-Golan und Tal-Hara. Sie erstreckt sich somit über die von Labwani gegebenen Koordinaten hinaus und befindet sich im Bereich, in welchem kürzlich Hilfsgüter aus Israel verteilt wurden.

Für Israel wäre die Einrichtung einer Sicherheitszone äußerst vorteilhaft, da sie eine Bufferzone darstellen würde, über der die syrische Luftwaffe nicht fliegen und von der aus die Hizbollah keine Raketen abfeuern kann.

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