Zwischenkriegszeit: Drusenaufstand

Sultan al-Atrash
Sultan al-Atrash (1)

Die Drusen lebten, bevor sie auf den Hauran umsiedelten, über Jahrhunderte abgeschieden zusammen mit anderen Minderheiten, wie den maronitischen Christen, auf dem Libanongebirge und sind daher an eine gewisse Eigenständigkeit gewöhnt. Dass die französische Mandatsregierung sich immer mehr in ihre lokalen Angelegenheiten einmischt und sie zunehmend vom Rest Syriens isoliert, gefällt den Drusen vorhersehbarer Weise nicht sonderlich. Als ein französischer Hauptmann, der vorübergehend mit der Verwaltung des Drusengebiets beauftragt ist, versucht, den Hauran nach seinen Vorstellungen in Form von Landwirtschaftsreformen und Straßenbauten (die weniger dem Wohle der Bevölkerung dienen, als vielmehr Steuereintreiber und die französischen Truppen ins Land bringen sollen und zu deren Bau selbst hohe Würdenträger der Drusen zwangsrekrutiert werden) zu modernisieren, ist die Geduld der Drusen zu Ende. Unter Sultan al-Atrash bricht eine Rebellion aus, die sich schnell nach Norden ausbreitet und in deren Zuge die Franzosen zeitweilig die Kontrolle über Hama und Teile von Damaskus verlieren. Dabei erfahren die Aufständischen Unterstützung von lokalen Würdenträgern, die ihnen Waffen und Geld zur Verfügung stellen, sowie von Getreidehändlern, die in der Gegend von Damaskus tätig sind. Waffen fließen hauptsächlich über die Jordanische Grenze – an die das Hauran-Plateau grenzt – ins Land. Die Aufständischen rekrutieren sich zu einem signifikanten Teil aus mittellosen Bauern, die vom Land in die Städte gekommen sind sowie den ärmeren Bevölkerungsschichten dieser Städte. Viele Minderheiten, wie die orthodoxen Christen, unterstützen den Aufstand. Von einigen aufständischen Gruppierungen wird der Islam als Mittel, die Menschen unter einem Banner zu vereinigen, herangezogen. So gründet Fawzi al-Qawuqji kurz vor Ausbruch der Unruhen in Hama eine eigene Partei namens „Hizbollah“, was übersetzt „die Partei Gottes“ bedeutet (Anm.: Hat nichts mit der gegen Israel gerichteten „Hizbollah“ im Libanon zu tun), und lässt sich zu diesem Zweck eigens einen Bart wachsen. Wohlgemerkt, es geht hier nicht eigentlich um den Islam als Religion; der Islam ist hier als Synonym für die arabische Kultur, ja, die arabische Identität zu verstehen, die sich durch das rücksichtslose Vorgehen der französischen „Besatzer“ bedroht fühlt. Als ein großer Teil der in Hama stationierten französischen Garnison in den Hauran aufbricht, um den Aufstand dort niederzuschlagen, meutern die syrischen Truppenverbände unter Hauptmann al-Qawuqji und belagern die verbliebenen französischen Soldaten in deren Hauptquartier. [1] Die französischen Bevollmächtigten reagieren, indem sie die Luftwaffe Bomben auf Hama werfen lassen, bis die dort ansässigen syrischen Würdenträger al-Qawuqji überreden, mit seinen Leuten die Stadt zu verlassen. Die Aufständischen ziehen sich daraufhin in die Vororte zurück und führen von dort aus einen Guerilla-Krieg, der auch Sabotage gegen französische Kommunikationsmittel beinhaltet.

Fawzi al-Qawuqji
Fawzi al-Qawuqji (2)

Der Aufstand weitet sich mittlerweile auch auf andere Teile Syriens, inklusive der ländlichen Gegend um Damaskus, aus. Die Franzosen bombardieren systematisch syrische Dörfer und erschießen die Gefangenen.
Als die Rebellen Damaskus einnehmen, wird es zwei Tage lang von den Franzosen bombardiert, wobei ein beträchtlicher Teil in Schutt und Asche gelegt wird. Auch hier werden die Aufständischen schließlich von syrischen Würdenträgern überredet, die Stadt zu verlassen, um die Zivilbevölkerung, die unter den Bombenangriffen leidet, zu schonen. Die Aufständischen ziehen sich aufs Land zurück und beschäftigen sich erfolgreich mit Sabotageakten; die Franzosen reagieren mit Bombardements der umliegenden Dörfer, wobei die Leidtragenden zum überwiegenden Teil in der Zivilbevölkerung zu suchen sind.
Erst im Sommer des Jahres 1927 gelingt es den Franzosen, die Aufstände niederzuschlagen, als sie Verstärung aus ihren Kolonialgebieten Algerien, Senegal und Madagaskar erhalten.

In mehr als nur einer Hinsicht erinnert der Drusenaufstand von 1925 den Vorgängen von 2011. Beide Aufstände brechen im Süden des Landes aus, wo die Rebellen leicht mit Waffen über die jordanische Grenze versorgt werden können, aus, und greifen dann auf Hama und Ghuta über. Die Rebellen betreiben eine Guerilla-Taktik, führen Sabotageakte gegen Kommunikations- und Infrastruktur aus – was 1925 die Eisenbahnwege waren, ist in der heutigen Zeit Elektrizität, Internetverbindung, usw.
Die Parallelen dieser beiden Ereignisse bestehen aber fast ausschließlich in der Form, und nicht im Inhalt. Während der Drusenaufstand gegen die Herrschaft einer als Besatzung aufgefassten Mandatsmacht gerichtet war, wird der aktuelle Konflikt zu einem signifikanten Teil von ausländischen Söldnern geführt – und zwar gegen eine arabisch-nationalistische Regierung.
Die Moral der Geschichte ist also: Ein Guerillakrieg ist ein Mittel, welches gegen ein Besatzungsregime, eine Diktatur und eine rechtmäßig gewählte demokratische Regierung eingesetzt werden kann. Die geographisch-politischen Gegebenheiten Syriens sind ausschlaggebend für die Ähnlichkeiten dieser beiden Episoden. Vergleichbares spielt sich seit dem Ersten Weltkrieg im gesamten Mittleren Osten mit wechselnden Vorzeichen ab (sogar dieselben Akteure werden dem Historiker immer wieder begegnen): Der arabische Aufstand in Palästina 1936, unterstützt von Sympathisanten in Syrien – freilich unter stillschweigender Billigung der französischen Mandatsregierung; die Terrorakte der Irgun und Hagana gegen die Briten in Palästina – auch hier fallen die Waffen nicht vom Himmel, sondern kommen über interessante Wege ins Land; unter Baschar al-Assads Vater Hafiz erleben wir 1982 einen weiteren Aufstand in Hama – wieder sind die Rebellen erstaunlich gut bewaffnet; der Aufstand der irakischen Kurden unter Barzani wird von außen finanziert, ebenso der Aufstand desselben Barzani im Iran der Nachkriegszeit, nur um einmal einige Beispiele zu nennen. Ganz allgemein kann man sagen, dass die Menschheitsgeschichte wohl noch keinen halbwegs erfolgreichen Aufstand gesehen hat, der nicht von irgendjemanden gesponsert war. Ja, Dareios zieht nicht gegen die Griechen, weil er die Demokratie so sehr hasst, sondern weil die Athener die Ionischen Aufstände in seinem Reich unterstützt haben.

Anmerkungen:

[1] Es sei darauf hingewiesen, dass die meuternden Männer Soldaten syrischer Nationalität sind, die gegen französische Soldaten vorgehen. Man hüte sich also vor voreiligen Vergleichen mit der aktuellen Situation in Syrien, wo eine aus dem syrischen Volk rekrutierte Armee gegen vornehmlich ausländische Söldner eingesetzt wird.

(1,2) Quelle Bilder: James Barr: „A Line in The Sand“

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