Peter Scholl-Latour
Peter Scholl-Latour (1)

In seinem sehr lesenswerten Werk „Der Fluch der Bösen Tat“ gibt der kürzlich verstorbene Auslandskorrespondent eine Begegnung mit einem ehemaligen Major der syrischen Armee, der sich der Rebellenmiliz „Freie syrische Armee“ angeschlossen hat, wieder. Die Begegnung Scholl-Latours mit diesem Mann ist rein zufällig: Beim Versuch, von der Türkei aus ein Dorf hinter der syrischen Grenze zu erreichen, werden er und sein Begleiter von den Milizen aufgehalten.
Die Aussagen des Offiziers zu den Anfängen des Bürgerkriegs sind derart aufschlussreich, dass ich mich nicht enthalten kann, eine ganze Textpassage zu zitieren: „Er [gemeint ist der besagte Major] könne jedoch bezeugen, daß der Aufruhr von Deraa nicht ganz spontan ausgebrochen sei. Er selbst wurde bereits ein Jahr zuvor [als er noch in der Regierungsarmee diente] von jordanischen und getarnten amerikanischen Agenten kontaktiert. Unter Zusicherung finanzieller Vorteile wollten sie ihn dazu ermutigen, sich einer umstürzlerischen ‚Freien Syrischen Armee‘ anzuschließen. Die Strukturen dieser Truppe wären auf jordanischem Boden bereitgestellt. Dank massiver Finanzierung durch Saudi-Arabien und das Emirat Qatar, aber auch unter der Regie der CIA habe die Aufrüstung der Rebellen mit modernem Kriegsgerät stattgefunden. Ein internationales Komplott sei damals zweifellos gegen das Baath-Regime von Damaskus geschmiedet worden. In Washington, Er Riad, in Doha und auch in Jerusalem sei man wohl überzeugt gewesen, daß das Auftauchen einer vom Westen unterstützten Oppositionsarmee sich bei den frustrierten Massen zu einer unwiderstehlichen Volkserhebung ausweiten würde, der der Assad- und Alawiten-Clan binnen kurzer Frist erläge. Wieder einmal – wie einst im Irak, in Libyen, in Ägypten, morgen vielleicht im Iran – seien die westlichen Geheimdienste Opfer der eigenen Wunschvorstellungen und utopischer Fehlplanungen geworden.“
Der Major hatte vorübergehend dem Militärgeheimdienst angehört und war im März 2011 in Daraa stationiert, d.h. er war zugegen, als die Demonstrationen eskalierten. Aus der Armee desertierte er, als sein älterer Bruder aufgrund des Vorwurfs, Beziehungen zu den Muslimbrüdern zu unterhalten, vom syrischen Geheimdienst verhaftet worden war. Er hatte also keinerlei Motivation, das syrische Regime in Schutz zu nehmen – desto bemerkenswerter ist seine Aussage gegenüber Scholl-Latour, die Revolution sei nicht spontan entstanden, sondern seit langer Zeit von ausländischen Mächten aufgebaut worden.

(1) Quelle Bild: Peter Scholl-Latour: „Der Fluch der bösen Tat“

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