Nachkriegszeit: 1946-1949
Die Nachkriegszeit bis zur Machtübernahme Hafiz al-Assads wird durch ständige Regierungswechsel und sich immer wieder in Form von Kampfhandlungen entladende Spannungen mit Israel geprägt. Syrien betrachtet sich als Beschützer der arabischen Bevölkerung in Palästina, da diese ethnisch syrisch ist und mehr oder weniger willkürlich nach dem ersten Weltkrieg von Syrien abgetrennt worden war. Später kommt noch der Konflikt über die von Israel besetzten Golanhöhen hinzu. Das Gebiet ist sehr wasserreich und mittlerweile fest in Israels Wasserverbrauchshaushalt eingeplant. Syrien wird es wohl nie wiedersehen.
Als Syrien endlich seine Unabhängigkeit erlangt hat, muss es zunächst einmal feststellen, dass es in politischer Hinsicht vollkommen allein steht. Die Beziehung zur Türkei, die sich erst vor wenigen Jahren Syriens Provinz Alexandretta einverleibt hat, ist durchwachsen, zumal die Türkei der Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches ist, das für viele Jahrhunderte über Syrien geherrscht hatte. Der Irak ist dank seiner Ölvorkommen und der vergleichsweise moderaten britischen Mandatsherrschaft stärker als Syrien, und viele Syrer fürchten, er könne nun versuchen, sich Syrien einzuverleiben. König Abdullah von Jordanien besitzt die leistungsfähigste Armee in der Gegend und hegt Ambitionen, König eines „Großsyriens“ zu werden und seine Hauptstadt nach Damaskus zu verlegen. Und die zionistischen Terrororganisationen sind gerade dabei, die Briten aus Palästina zu werfen und einen jüdischen Staat zu errichten. Von allen seinen direkten Nachbarn stellt nur der Libanon keinerlei Bedrohung für Syrien dar.
Zudem findet sich Syrien in einer Zange wieder, die von Ägypten und Saudi Arabien auf der einen und dem Irak und Jordanien auf der anderen Seite gebildet wird [1]. Jede politische Strömung, jede Uneinigkeit in der syrischen Gesellschaft wird von beiden Parteien genau beobachtet und gegen Syrien verwendet, sobald es Anstalten macht, sich dem jeweils anderen Block zuzuwenden.
Innenpolitisch tut sich Syrien mit seiner neugewonnenen Freiheit ebenfalls schwer. Die Parlamentarier sehen oftmals ihre Aufgabe darin, die Interessen derer zu vertreten, die ihre Wahlkampagne unterstützt hatten, und nun, da man sich der verhassten Fremdherrschaft durch die Franzosen endlich entledigt hat, gibt es kein gemeinsames Banner mehr, hinter dem sich eine Parlamentsmehrheit sammeln kann. Der Bloc National spaltet sich in die Nationale Partei, die ihr Machtzentrum in Damaskus hat, und die Volkspartei mit Basis in Aleppo [2].
Die Parteienlandschaft setzt sich islamistisch gesinnten Gruppierungen, wie der Muslimbruderschaft, und nationalistischen Parteien zusammen. Eine kommunistische Partei existiert ebenfalls, gewinnt aber niemals sonderlichen Einfluss. Die nationalistischen Parteien lassen sich weiter unterteilen in Antun Sa’adas [3] Syrische Nationale Partei, die eine Einheit aller arabischen Gebiete [Syrien, Jordanien, Irak, Palästina und der Libanon] anstrebt. Es handelt sich also um einen „territorialen“ Nationalismus. Dem gegenüber steht der eher „idealistische“ Nationalismus der Ba’th-Partei, die eine Einheit aller Araber im Geiste proklamiert. Ihr Anliegen ist es nicht, die Grenzen von Sykes-Picot zu korrigieren, sondern vielmehr plädiert sie dafür, dass alle Araber brüderlich zusammenhalten und sich nicht aufgrund verschiedener Religions-, bzw. Sektenzugehörigkeiten einander entfremden sollten [4]. Michel Aflaq, einer der Gründer, stellt als Ziele der Bewegung folgende drei Punkte auf: Einheit [aller Araber], Freiheit [damit ist auch individuelle Freiheit gemeint, hauptsächlich aber die Freiheit von der Einflussnahme ausländischer Mächte] und Sozialismus.
Im November 1947 beschließt die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Teilung Palästinas. Alle arabischen Staaten hatten gegen die Resolution gestimmt. In Palästina wurde bezüglich der Frage, ob das Land geteilt werden solle oder nicht, keine Volksabstimmung vorgenommen.
Nach Abzug der Mandatsmacht Großbritannien kommt es fast augenblicklich zu bürgerkriegsartigen Zuständen zwischen Juden und Arabern in Palästina.
Am 14. May 1948 wird der Staat Israel ausgerufen, der auch Gebiete beinhaltet, die die Resolution eigentlich dem Arabischen Staat Palästina zugesprochen hatte. Viele Palästinenser fliehen, wozu sie von den Israelis auch ermutigt werden [5].
Noch am selben Tag erklärt Syrien zusammen mit anderen arabischen Staaten Israel den Krieg, obwohl die syrische Armee alles andere als kampfbereit ist. Während der französischen Mandatsherrschaft war die Armee darauf ausgerichtet gewesen, Bedrohungen im Inneren zu bekämpfen – auf die Konfrontation mit anderen Staaten war sie nicht ausgelegt. Präsident al-Quwatli, der einen Militärputsch fürchtete (zu Recht, wie wir gleich sehen werden) hatte die Armee von 30.000 auf 6.000-7.000 Mann reduziert. Mit neuer Ausrüstung hatte er sie erst nach einer umfassenden Heeresreform versorgen wollen.
Flüchtlinge aus Palästina fluten die syrischen Grenzen und erzählen von allerlei Gräueltaten des Feindes. Nachdem sich die Israels im Dezember 1948 Besitztümer der palästinischen Araber aneignen, geht die syrische Regierung gegen die jüdische Gemeinde in Syrien vor. So werden jüdische Bankkonten eingefroren und ihnen die Transaktion mit Immobilien untersagt.
Am 30. März 1949 wird al-Quwatli in einem Militärputsch gestürzt, und Husni az-Za’im, der als Chef des Generalstabs die syrischen Streitkräfte in den Krieg mit Israel geführt hatte, setzt sich an die Spitze der Regierung.
Fast kein Putsch im Mittleren Osten scheint ohne mehr oder minder beherzte Beihilfe der Westmächte vonstattenzugehen – dieser hier bildet keine Ausnahme. Diesmal sind es die Amerikaner, die unzufrieden sind: Alle anderen arabischen Staaten haben bereits ein Friedensabkommen mit Israel abgeschlossen, nur Syrien nicht; zudem verweigert es den Bau einer Pipeline, die saudisches Öl durch sein Gebiet transportieren soll. Inwieweit die CIA in den nun Putsch involviert war, ist Gegenstand von Debatten. Als gesichert gilt jedoch, dass die Amerikaner von dem geplanten Putsch unterrichtet waren – von Husni az-Za’im höchstpersönlich. Az-Za’im stellt in Aussicht, Frieden mit Israel übernehmen zu wollen und übergibt den Amerikanern eine Liste aller Kommunisten unter den Offizieren. Major Meade, einem Diplomaten der US-Botschaft, teilt er sein Vier-Punkte-Programm mit, Syrien zu übernehmen und an die USA anzunähern. Es solle ein Marionetten-Präsident installiert werden, während er selbst als Verteidigungsminister die wirkliche Macht ausüben wolle. In einem zweiten Schritt würden die USA dann Syrien Hilfsmittel zukommen lassen, was dazu beitragen würde, den Coup in den Augen des Volkes zu legitimieren. In einem dritten Schritt solle dann die USA Syrien mit modernen Waffen beliefern. In vierten Stadium würde er die Armee ausweiten und Syrien nach dem Vorbild Kemal Atatürks reformieren.
Az-Zaim unterbreitet Ben Gurion auch tatsächlich ein Friedensangebot [6]. Die Beziehungen sollen normalisiert werden und Syrien erklärt sich bereit, bis zu 300.000 palästinensische Flüchtlinge dauerhaft aufzunehmen, obwohl bis zu diesem Zeitpunkt erst 85.000 nach Syrien geflohen waren. Israel jedoch, welches in der weit stärkeren Position ist, weist das Angebot zurück: Erst müsse ein Waffenstillstandsabkommen geschlossen werden, bevor über Frieden verhandelt werden könne. Einem Waffenstillstandsabkommen werde es aber erst dann zustimmen, wenn die syrische Armee sich von dem kleinen Teil, den es besetzt hatte, zurückziehen würde.
Darauf kann Syrien freilich nicht eingehen: Zöge es sich aus den besetzten Gebieten zurück, sähe es sich einer jeden Verhandlungsbasis für einen fairen Friedensvertrag beraubt.
Keine fünf Monate nach seiner Machtübernahme wird Husni az-Za’im durch einen weiteren Militärputsch gestürzt und hingerichtet.
[1] Während der Irak und Jordanien von zwei verschiedenen Mitgliedern der Haschemiten-Familie regiert wird und damit natürliche Verbündete sind, steht Saudi Arabien unter der Herrschaft der konkurrierenden Familie Saud. Ägypten und der Irak rivalisieren um die Vorherrschaft in der 1945 gegründeten Arabischen Liga. Getreu nach dem Motto „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ nähern sich Ägypten und Saudi Arabien einander an.
[2] Noch immer sehen die beiden Städte einander als Rivalen.
[3] Antun Sa’ada war im Übrigen orthodoxer Christ, wie auch Aflaq.
[4] „Ba’th“ bedeutet „Wiederauferstehung“
[5] in Form von ethnischen Säuberungen
[6] aus Furcht vor der Reaktion der syrischen Bevölkerung geschieht dies inoffiziell

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