Seite 5 des DIA-Berichts (1)
Seite 5 des DIA-Berichts (1)

Diesen Sommer wurde ein deklassifizierter Pentagon-Bericht vom August 2012 von Judical Watch [1] der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Viel wurde nicht darüber berichtet – vielleicht weil die Medien mit dem FIFA-Skandal beschäftigt waren – Ausnahmen sind u.a. der britische Guardian [2] und N-TV [3]. Letztere Quelle verweist auch auf die Auswertungen des Journalisten Nafeez Ahmed [4]. Aus dem US-Defence Intelligence Agency (DIA)-Bericht geht hervor, dass die USA nicht nur von der Gefahr, der IS – damals noch ISI – könne einen „Islamischen Staat“ ausrufen, wussten, sondern dies sogar für wünschenswert hielten, da auf diese Weise die syrische Regierung unter Druck gesetzt werden würde. Als Grund, weshalb ein Machtwechsel in Syrien wünschenswert sei, wird Syriens nahe Verbindung zum Iran angegeben. Der Spiegel berichtet ebenfalls über dieses Dokument [5], versucht aber die USA zu verteidigen, indem er ihnen eine Mischung aus Unfähigkeit und Heuchelei unterstellt und dann vermutet, dass der Bericht ja nur vor der Gefahr, die ISI (Islamischer Staat im Irak) darstellt, habe warnen wollen. Nun könnte man spekulieren, ob der Bericht nun das Aufkommen eines Islamischen Staates fördern soll, (wie Verschwörungstheoretiker argumentieren), oder aber ganz im Gegenteil vor einer solchen Gefahr gewarnt werden soll. Besser als zu spekulieren ist es aber, sich den Text einfach selbst durchzulesen. Deswegen habe ich ihn ins Englische übersetzt und werde ihn im Folgenden posten.

Große Teile des Textes sind geschwärzt, aber der verbliebende Teil ist aussagekräftig genug. Wichtig sind vor allem die Punkte 7. und 8., die ich deshalb kursiv gesetzt habe. Den Inhalt möchte ich nicht kommentieren, wohl aber die Form. Die Übersetzung klingt leider nicht sonderlich schön, und dafür gibt es zwei Gründe: Erstens wollte ich so nahe am Original wie möglich bleiben, was den Text oftmals etwas holprig wirken lässt, weil die englische Grammatik und Ausdrucksweise von der deutschen abweicht. Und zweitens ist der Verfasser dieses Berichts wahrlich kein Shakespeare – gut, dass er sich für eine berufliche Laufbahn als Geheimdienstagent entschieden hat und nicht Schriftsteller geworden ist.

Auf den ersten beiden Seiten findet sich kein Text, nur irgendwelche Kürzel und der Briefkopf. Ich beginne die Übersetzung also mit Seite 3:
[Punkt 1.,2. fehlen, geschwärzt]
Allgemeine Situation:
A. Im Inneren nehmen die Ereignisse eine deutliche sektiererische Richtung an.
B. Die Salafisten, die Muslimbruderschaft sowie AQI [Al-Qaida im Irak] sind die Haupttriebkräfte des Aufstands in Syrien.
C. Der Westen, die Golfstaaten und die Türkei unterstützen die Opposition, während Russland, China und der Iran das Regime unterstützen.
[D. fehlt, geschwärzt]
E. Die Priorität des Regimes ist, seine Präsenz auf die Küstengebiete (Tartus und Latakia) zu konzentrieren; dennoch hat es Homs nicht aufgegeben, da es [Homs] die Haupttransportrouten in Syrien kontrolliert. Das Regime hat seine Präsenz in Gegenden, die an den Irak grenzen (al-Hasaka und Deir az-Zor), reduziert.
3. Al-Qaida im Irak (AQI):
A. AQI kennt sich in Syrien aus. AQI trainierte in Syrien und infiltrierte dann den Irak.
B. AQI unterstützte die syrische Opposition von Beginn an; sowohl in ideologischer Hinsicht als auch durch die Medien. AQIs Widerstand gegen Assads Regierung begründet sich darauf, dass es diese für eine sektiererische Regierung hält, die die Sunniten benachteiligt.
C. AQI führte eine Reihe von Operationen in verschiedenen syrischen Städten durch unter dem Namen Jaish al-Nusra (siegreiche Armee).
D. Durch den Sprecher des Islamischen Staates im Irak (ISI), Abu Muhammad al-Adnani, erklärte AQI das syrische Regime zur Speerspitze von etwas, das es selbst „Front der Schiiten“ (Jibha al-Ruwafgh) nennt, weil AQIs Meinung nach das syrische Regime den Sunniten den Krieg erklärt habe. Darüber hinaus ruft der Sprecher die Sunniten im Irak – speziell die Stämme, die in den Grenzregionen zu Syrien leben – dazu auf, Krieg gegen das syrische Regime zu führen. Der Sprecher betrachtet das syrische Regime als ungläubig, weil es die ungläubige Hizbollah und Regimes Andersgläubiger wie Iran und Irak unterstützt.
E. Für AQI ist das Los der Sunniten im Irak schicksalshaft mit dem der sunnitischen Araber im Allgemeinen verknüpft.
4. Die Grenzen:
A. Die Grenze zwischen Syrien und dem Irak erstreckt sich ungefähr 600 km über komplexes Terrain, bestehend aus ausgedehnten Wüstenlandschaften, Gebirgsketten (Jabal Sinjar), gemeinsamen Flüssen und landwirtschaftlich genutzten Gebieten.
B. Der Irak grenzt direkt an die syrischen Provinzen al-Hasaka und Deir az-Zor.
C. Das Land zwischen dem Irak und Syrien ist auf beiden Seiten eine ausgedehnte Wüstenlandschaft, unterbrochen von kleinen Tälern. Es mangelt an Transportrouten, mit Ausnahme der internationalen Fernverkehrsstraße und einigen großen Städten. [Ich gebe diese Grammatikkonstruktion so wieder, wie sie im englischen Original steht.]
5. Die Bevölkerung, die entlang der Grenzen lebt:
A. Die Menschen, die entlang der Grenzen leben, gehören Stämmen an. Im gesellschaftlichen Leben spielen Stammeszugehörigkeit sowie familiäre und eheliche Bindung eine große Rolle.
B. Ihre Konfessionszugehörigkeit vereint die Stämme auf beiden Seiten, wenn eine Krise in der Umgegend entsteht.
C. AQI hatte mehrere Basen und Stellungen auf beiden Seiten der Grenze, um den Strom von Material und Rekruten zu erleichtern.
D. Zwischen 2009 und 2010 hatte sich AQI aus den westlichen Gebieten Iraks nach und nach zurückgezogen; nachdem allerdings die Aufstände in Syrien ihren Anfang genommen hatten, begannen die religiösen Kräfte und die Stammeskräfte mit dem sektiererischen Aufstand zu sympathisieren. Diese Sympathie manifestierte sich in Form von Reden anlässlich der Freitagsgebete, in denen um Freiwillige geworben wurde, die die Sunniten in Syrien unterstützen sollten.
6. Die Situation an der irakisch-syrischen Grenze:
A. Drei Grenzbrigaden sind ausreichend, um die Grenze in Friedenszeiten zu kontrollieren und Schmuggel und Infiltration zu verhindern.
[B. fehlt geschwärzt]
C. In den vergangenen Jahren hat der Großteil der AQI-Kämpfer den Irak hauptsächlich über die syrische Grenze betreten.
7. Mögliche Szenarien, wie sich die Krise entwickeln könnte:
A. Das Regime wird überleben und die Kontrolle über das Gebiet innehaben.
B. Eine Entwicklung der gegenwärtigen Ereignisse zu einem Stellvertreterkrieg: Mit der Unterstützung Russlands, Chinas und des Iran kontrolliert das Regime den Küstenstreifen um Tartus und Latakia und verteidigt erbittert Homs, welches als die Haupttransportroute Syriens gilt. Oppositionskräfte hingegen versuchen die östlichen Gebiete (al-Hasaka und Deir az-Zor) zu kontrollieren, die an die westirakischen Provinzen angrenzen (Mosul und Anbar). Die westlichen Länder, die Golfstatten und die Türkei unterstützen diese Bemühungen. Diese Variante [also Szenario B.] stimmt am besten mit den von den jüngsten Ereignissen erhaltenen Informationen überein, welche dazu beitragen werden, sichere Zufluchtsstätten unter internationalem Schutz aufzubauen, ähnlich dem, was in Libyen geschehen ist, als Bengasi als Kommandozentrum der provisorischen Regierung ausgewählt wurde.
8. Die Auswirkungen auf den Irak:
A. [fehlt, geschwärzt] der Grenzschutz des syrischen Regimes zogen sich von der Grenze zurück und die Oppositionskräfte (Freie Syrische Armee) übernahmen die Posten und hissten ihre Flagge. Der irakische Grenzschutz sieht sich nun einer Grenze mit Syrien gegenüber, die nicht von offiziellen Vertretern der Regierung besetzt ist, was ein beträchtliches Gefahrenpotential birgt.
B. Die Oppositionskräfte werden versuchen, den Irak als sicheren Rückzugsort zu benutzen, wobei sie sich die Sympathien der Bevölkerung der Grenzgebiete zunutze machen, während sie versuchen, Kämpfer zu rekrutieren und sie auf der irakischen Seite zu trainieren und Flüchtlinge aus Syrien aufzunehmen.
C. Wenn die Situation sich entwirrt, besteht die Möglichkeit, einen erklärten oder unerklärten salafistischen Staat [Der Verfasser verwendet den Begriff „principality“, was wortwörtlich übersetzt „Fürstentum“ bedeutet.] im östlichen Syrien einzurichten. Das ist genau das, was diejenigen Kräfte, die die syrische Opposition unterstützen, wollen. [In 7B. benennt der Verfasser diese „unterstützenden Kräfte“: Die Westmächte, die Golfstaaten und die Türkei.] Der Zweck ist, das syrische Regime zu isolieren, welches als strategische Tiefe [Original: „strategic depth“] der Shia-Expansion, also Iran und Irak, angesehen wird. [Mit anderen Worten: Das syrische Regime soll isoliert werden, weil es der engste Verbündete des Iran ist.]
D. Eine Verschlechterung der Situation hat fatale Auswirkungen auf den Irak:
–1. Dies schafft eine ideale Atmosphäre, um AQI in seine alten Nester in Mosul und Ramadi zurückkehren zu lassen. Dem Aufruf zur Vereinigung des Jihad zwischen Sunni-Irak und Sunni-Syrien und allen übrigen Sunniten der arabischen Welt gegen den gemeinsamen Feind, die „Andersgläubigen“, wird so neuer Schwung verliehen. ISI [Islamischer Staat im Irak, also der Vorläufer von ISIS und IS] könnte auch einen Islamischen Staat [diesmal wortwörtlich „Islamic State“] zusammen mit anderen terroristischen Organisationen im Irak und Syrien ausrufen, was eine große Gefahr für die Einheit des Irak darstellen wird sowie für die Verteidigung seines Territoriums.
[–2. Fehlt, geschwärzt]
–3. Die erneute Erleichterung des Eindringens terroristischer Elemente aus der ganzen arabischen Welt in die irakische Arena.
[Viel geschwärzter Text.]

Quellen:

[1] http://www.judicialwatch.org/wp-content/uploads/2015/05/Pg.-291-Pgs.-287-293-JW-v-DOD-and-State-14-812-DOD-Release-2015-04-10-final-version11.pdf
[2] „Now the truth emerges: How the US fuelled the rise of ISIS in Syria and Iraq”: (The Guardian): http://www.theguardian.com/commentisfree/2015/jun/03/us-isis-syria-iraq
[3] „Pentagon-Bericht enthüllt: USA ließen den IS gewähren“ (N-TV): http://www.n-tv.de/politik/USA-liessen-den-IS-gewaehren-article15177536.html
[4] https://medium.com/insurge-intelligence/secret-pentagon-report-reveals-west-saw-isis-as-strategic-asset-b99ad7a29092

[5] „DIA-Dokument: Das Märchen vom US-Masterplan für den ‚Islamischen Staat'“: http://www.spiegel.de/politik/ausland/islamischer-staat-us-geheimdienstpapier-ist-kein-terror-masterplan-a-1036118.html

(1) Quelle Bild: http://www.judicialwatch.org/wp-content/uploads/2015/05/Pg.-291-Pgs.-287-293-JW-v-DOD-and-State-14-812-DOD-Release-2015-04-10-final-version11.pdf

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